Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländer und seine Zeit
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit nicht nur Ausgangspunkt für das jüdische Schulwesen Berlins, sondern auch Vorbild für mancherlei andere Gründung, besonders in Österreich, geworden. Inzwischen drängte die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der preußischen Juden zu einer Lösung der Frage ihrer staatsrechtlichen Stellung. Seitdem der Kriegsrat Chr. W. Dohm 1783 in seiner Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" aus der Lage der Juden den Schluß gezogen hatte, daß der Staat, statt die Juden zu zwingen schlechte Bürger zu sein, ihnen gestatten müßte, gute zu werden, und daß daher die einschlägigen Gesetze geändert werden müßten, war diese Frage in Wort und Schrift außerordentlich stark diskutiert worden. Dabei spielte die Frage nach der Beziehung zwischen religiöser Verpflichtung und staatlichen Gesetzen eine außerordentlich große Rolle. Selbst in wohlwollenden Kreisen glaubte man, daß die religiösen Vorschriften und Zeremonialgesetze teilweise im Widerspruch zu den staatsbürgerlichen Pflichten ständen. Anderseits war in den preußischen Juden mit dem Zunehmen ihrer wirtschaftlich-sozialen Tätigkeit und mit der wachsenden Bedeutung ihrer kulturell-gesellschaftlichen Stellung das Bewußtsein der inneren Zugehörigkeit zu dem Staate, für den sie lebten und arbeiteten, mächtig emporgestiegen, und sie waren tief durchdrungen von der Notwendigkeit, alle Hemmnisse aus dem Wege zu räumen, die möglicherweise einer absoluten Eingliederung in das Staatsganze entgegenstanden. Kein jüdisches Sonderleben im Staate, sondern Aufgehen im Staate, der Schützer einer jeden auf Vernunft gegründeten Religion sein müßte, das war das Ziel, das David Friedländer wohl ursprünglich vorschwebte, als er sein „Sendschreiben an den Probst Teller" richtete45), das man später gemeinhin zur Beurteilung seines Charakters benutzen zu müssen geglaubt hat. Gewiß ist dieses Sendschreiben in seiner Verworrenheit und Unklarheit, in seiner Zwiespältigkeit zwischen Festhalten am Judentum und gleichzeitigem Angebot der Taufe, ohne sich an Dogmen zu binden, ein Ausdruck der Unzulänglichkeit, aber diese Unzulänglichkeit ist zweifellos nicht sittlicher, sondern intellektueller Art. Wenn Teller in seinem Buche „Die Religion der Vollkommneren" das Christentum als eine Religion des Wissens und der Liebe jedwedem darzubieten schien, dann konstruierte sich David Friedländer auf Grund seines rationalistischen Denkens ein Judentum, das bedenkenlos alle Zeremonialgesetze zum alten Eisen warf, indem er an Stelle einer vielleicht notwendigen Nachprüfung der jüdisch-religiösen Anschauungen und einer Reform des Gottesdienstes und seiner Zeremonien etwas Neues, Ungeschichtliches setzte, das die Vergangenheit negierte und die geschichtliche Kontinuität unterbrach. Nicht nur, daß er das wahre Wesen des Judentums in seinem Ethos, seinem Gesetz und seiner Geschichtsbedingtheit verkannte, war sein Fehler — er glaubte auch mit einem ebenso blutlosen und unlebendigen Christentum rechnen zu können, wie das Judentum, das er sich zurechtgezimmert hatte. Wie wenig er die Zeitströmung im christlichen Lager erkannte und beachtete, ersieht man aus der Tatsache, daß im gleichen Jahre 1799, in dem sein Sendschreiben erschien, Schleiermacher, von dessen Tätigkeit er bei der Nähe des Berliner geistigen Lebens doch wohl wissen mußte, seine „Reden über die Religion" veröffentlichte, in denen er den Rationalismus und den Pietismus in der protestantisch-theologischen Auffassung seiner Zeit durch einen neuen feineren und individuelleren Gefühlsinhalt vertiefte46). Für Schleiermacher war die Religion weder Metaphysik noch Moral oder eine Mischung von beiden; gegenüber Aufklärung und natürlicher Religion brachte er die geschichtliche Natur des Menschen und der von ihm geschaffenen Kulturformen, die Realität der großen sozial- 45) Vgl. den Aufsatz von Ellen Littmann weiter unten S. 92 ff. 4«) Friedrich Meinecke, Das Zeitalter der Erhebung, S. 24. 74