Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländer und seine Zeit
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Emst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit ausweisen lassen will40). Er ist die stärkste werbende Kraft in Berlin, der Organisator und gleichzeitig der unermüdliche Mitarbeiter, als der „Sammler" (Hameassef), gleichsam das jüdische Parallelstück zu der „Berliner Monatsschrift", seit 1783 als Sprachrohr der Haskala erscheint, und die geistige Verbindung mit den Freunden im Lande, besonders in Königsberg und Breslau herstellt, die gleich ihm von der Notwendigkeit durchdrungen sind, „dem Judentum und der Judenheit eine neue Form zu geben, in der sie sich an einem entscheidenden Wendepunkte der Zeiten mit den geringsten Opfern erhalten konnten". Wo die Möglichkeit besteht, aufklärend und belehrend zu wirken, dort ergreift Friedländer das Wort, und, wenn seit 1786 sein Name oft in der Berliner Monatsschrift erscheint, so dienen seine Beiträge dazu, den nichtjüdischen Lesern des Blattes, dem gebildeten Berliner Bürgerpublikum in allgemein verständlicher Form das Verständnis für Talmud und Judentum zu eröffnen. Nicht Vielgeschäftigkeit, nicht Geltungsdrang, wie wohl behauptet worden ist41), ist es, was ihn immer wieder dorthin treibt, wo seine Energie, seine Anregungen und sein praktischer Sinn gebraucht werden, sondern das Bewußtsein der Verantwortung dafür, in entscheidender Zeit an entscheidende Stelle gestellt zu sein, das Gefühl aber auch, nach dem Tode des geliebten Lehrers ein geistiges Kapital als Erbe zu verwalten, das für die Gesamtheit der Juden in Preußen Ertrag bringen soll und muß. Weil er erkennt, daß eine Reform des Judentums an Haupt und Gliedern auf Grund der in ihm wohnenden Entwicklungstendenzen nicht nur möglich, sondern notwendig ist, kann er selbst, der Toleranz als Grundlage für das Zusammenleben der Menschen fordert, seinen konservativen Glaubensgenossen gegenüber intolerant werden; mit scharfem Spott und beißender Ironie wendet er sich gegen die Halbheit in der Erziehung, die glaubt, zwischen der Starrheit des traditionsgebundenen Talmudstudiums und zeitgemäßer allgemeiner Bildung einen bequemen Mittelweg finden zu können42). Er weiß, daß für die Sicherung der neuen Kulturbestrebungen nichts dringender notwendig ist als die Errichtung einer jüdischen Schule in Berlin, auf welche in einer Zeit, in der Rousseaus Ideen und Basedows praktische Arbeit außerordentlich anregend wirken, die Grundsätze des verbesserten Jugendunterrichtes, wie sie sich in dem Kreise der „Meassfim" ausgebildet hatten, angewendet werden. Deswegen widmet er sich mit Feuereifer den Bestrebungen zur Gründung einer jüdischen Freischule, wird ihr eigentlicher Organisator und zugleich ihr tätiger Beaufsichter43). Fast 20 Jahre hat er gemeinsam mit seinem Schwager Isaak Daniel Itzig als Direktor die Aufsicht über die Anstalt geführt wie über die mit ihr verbundene hebräische Druckerei und Buchhandlung (vgl. unten S. 168 die Miszelle von Moritz Stern), aus der auch wissenschaftliche Bücher in nicht geringer Zahl hervorgingen44). Als später 1825 die jüdische Freischule, in der auch christliche Kinder unterrichtet wurden, geschlossen wurde, weil an ihre Stelle die Berliner Gemeindeschule trat, konnte sie trotz mancherlei Schwierigkeiten und Wechselfällen auf eine segensreiche Tätigkeit fast eines halben Jahrhunderts zurückblicken. Die jüdische Freischule, deren Gründung und Entwicklung mit dem Namen David Friedländers unlöslich verbunden ist, ist 4°) Graetz, das. XI, S. 561 ff. 41) Graetz, das., S. 124. 42) Vgl. die charakteristischen Briefe Friedländers an Meier Eger in Glogau, veröffentlicht von L. Geiger in Zeitschr. f. d. Gesch. d. Jud. i. Deutschi., Bd. I, 1887, S. 256 ff. 43) Ritter a.o.O., S. 38. 44) L. Geiger in Zeitschr. f. d. Gesch. d. Jud., Bd. I, S. 86. 73