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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 72

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländer und seine Zeit
Date
1936-01-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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Emst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit schritte zu sehen, die sie von Jahrhundert zu Jahrhundert macht"35). Aber im ganzen verführt auch ihn der Rationalismus der Aufklärung dazu, die reale Macht der irrationalen Kräfte, wenn nicht ganz unbeachtet zu lassen, so doch mindestens zu unterschätzen. Das Exlibris, das seine Bücher schmückte, von Chodowieckis Meisterhand gestochen, zeigt in einen Fels gemeißelt seinen Namen, umgeben von der allegorischen Gestalt Merkurs, dem eine Muse auf ihrer Laute ein traumhaft schönes Bild vorzuzaubera scheint. So sah er, der tatkräftige Mann des praktischen Lebens, dessen Verdienste auf den Gebieten, wo zäher Wille und kämpferischer Geist notwendig waren, unbestritten bleiben, die Idee der Religion und mit ihr die Idee des Judentums in einer verschwommenen, unwirklichen Gestalt, die weder den Gesetzen des Verstandes noch den Forderungen des Gemütes und des Herzens genügen konnte. Indem er in der Vernunft die alleinige und lebensbestimmende Grundlage für die Menschheit sehen und werten zu müssen glaubte, „verpaßte er", nach einem Worte Ismar Elbogens36), „seine Zeit", ahnte er nichts von der geistigen Bewegung einer neu anbrechenden Epoche. Friedländers publizistische Tätigkeit ist zum größten Teil aktuell, d.h. zeitbestimmt und zeitgebunden. Sie galt, ob es sich um deutsche Übersetzungen aus der Bibel oder von Gebeten, um Erzählungen von Anekdoten aus dem Talmud, um Reden der Erbauung für gebildete Israeliten, um die Briefe über die Moral des Handels, um die Herausgabe der Schriften anderer Autoren oder um das Lesebuch für jüdische Kinder37) handelt, immer nur dem einen Gedanken: den geistigen und sittlichen Inhalt des Judentums von den Schlacken zu reinigen, die es im Laufe einer zwangsmäßen Ghettoentwicklung angesetzt hatte, das jüdische Bildungsniveau durch Erziehung der Jugend aus dem Geiste der Bibel zu heben, hebräische Sprache und hebräischen Stil in alter Reinheit und Klarheit wiederherzustellen sowie die deutsche Sprache und das deutsche Geistesgut zum allgemeinen Besitztum der Juden in Deutschland zu machen. Daß der Kampf um Mendelssohns deutsche Bibelübersetzung38), der ein Kampf der Geistesenge gegen Geistesfreiheit, ein Kampf der Unbildung gegen die Bildung war, schließlich doch zu ihrer Einführung beim Jugendunterricht führte, war ein Sieg des Zeitgeistes über veraltetes Herkommen und starre Abgeschlossenheit39). An diesem Siege hatte Friedländers unermüdliche Arbeit nicht zum wenigsten mitgewirkt. Er ist es, der überall dort, wo Widerstände gegen neuzeitliches Denken und gegen die für notwendig erkannten innerjüdischen Reformen auftauchen, die Abwehr betreibt und organisiert. Er ist es, der auf Veranlassung Mendelssohns am schärfsten den Kampf gegen den Berliner Rabbiner Lewin Hirschel führt, als dieser, angeregt durch die orthodoxen Rabbinen von Lissa und Glogau, den Druck von Wesselys „Worte der Wahrheit und des Friedens", die Friedländer 1782 ins Deutsche übersetzt, verbieten, ja sogar Wessely aus Berlin 35) D. Friedländer, Der Prediger nebst einer vorangeschickten Abhandlung usw. 1788, S.4. 36) Geschichte der Juden in Deutschland, S. 189. 37) „David Friedländer ist durch ein vorzüglich brauchbares Lesebuch für Kinder jüdischer Nation und eine deutsche Übersetzung jüdischer Gebete rühmlichst bekannt." Nicolai a.o.O., Bd. III, Anhang 3, S.7. 58) H.Graetz, Geschichte, Bd. XI (1900), S. 556 ff. 39) J.Auerbach a.a.O., S.25. 72

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