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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 71

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländer und seine Zeit
Date
1936-01-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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Ernst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit Im Mittelpunkt dieser „Berliner Aufklärung" stand neben Lessing Moses Mendelssohn. Von ihm wird man dasselbe sagen können, was von Kant gesagt worden ist31): „Seine Gedanken wie alles, was diese lebensprühende Zeit geschrieben hat, empfingen ihre volle Wirkung erst durch die Macht der Persönlichkeit- Die schlichte Größe dieses ganz von der Idee erfüllten Lebens packt die Gewissen." Die Macht der Persönlichkeit war es, die Klarheit des Denkens, die milde verständnisvolle Art im lehrhaften Gespräch, die Güte und Reinheit der Gesinnung, die Mendelssohns Schüler in jene Beziehung zu ihm brachten, die man vielleicht als „geistiges Treueverhältnis"' bezeichnen darf. Gerade in diesem Verhältnis zeigt sich auch, daß die Kreise der Berliner „Aufklärungshelden" durchaus nicht völlig in ihrem Verstandesenthusiasmus aufgingen. Die stereotype Verbindung von Kopf und Herz war nicht bloß eine Phrase, die Moral und Ästhetik jener Männer beruhte vorzugsweise auf ihrem Interesse für das menschliche Herz32). Von dem Tage an, an dem der 21jährige Friedländer in Mendelssohns Kreis tritt, wird er nach seinen eigenen Worten „vierzehn Jahre lang die Glückseligkeit genießen, des Unterrichts und des näheren Umgangs dieses großen Mannes gewürdigt zu werden, täglich wird er bei ihm sein"; er wird ihm im Laufe der Zeit von allen aus seinem Kreise innerlich am nächsten kommen33). Mit ihm wird der Lehrer nach den Sabbath- oder Feiertagsabenden, an denen sich im Mendelssohnschen Hause junge Männer und ältere Freunde versammelten, um sich zu bilden und zu belehren, und an denen über Moral, Sprachkunde, hebräische Literatur, besonders aber über Erziehungs- und Bildungsfragen mit Ruhe und Würde disputiert wurde, am nächsten Tage das Gespräch fortsetzen, wo es tags zuvor abgebrochen worden ist; mit ihm bespricht er in banger Sorge wohl auch die Maßnahmen, die einmal notwendig werden könnten, um die mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, die sich innerhalb und außerhalb der Glaubensgemeinschaft dem Bildungsstreben und dem Wunsche nach bürgerlicher Freiheit entgejgenstellen34); und der dankbare Schüler ergreift jeden Gedanken, jedes Wort des Lehrers und nimmt es als dauernden Besitz in sich auf. Mendelssohns Gedanken, wenn sie auch in ihm und durch ihn teilweise andere Gestalt annehmen als bei dem Weltweisen, sind bestimmend für seine eigene Gedankenwelt und für seine jüdische Arbeit. Mit einer gewissen Bewußtheit, aber auch aus einem Mangel an Originalität vermeidet er eigene Wege. Er ist und will bleiben: der Mann, der durch Wort und Tat die Ideen des Lehrers zu verwirklichen trachtet, der — und hier liegt die Schwäche seiner geistigen Persönlichkeit — noch unbedingt an Mendelssohns Gedanken festhält, da diese bereits in ihrer philosophischen Begründung überholt sind, ßewiß wird man feststellen, daß hier und da Einflüsse im Wandel des Geistes der Zeit auch bei ihm nicht ganz unbeachtet bleiben. Wenn der Lehrer ohne jedes Verständnis für die geschichtlichen Bedingtheiten im Leben der Gemeinschaften ist, so erkennt der Schüler bereits: „Es ist ebenso lehrreich als es seelenerhebend ist, die ganze Menschheit auf ihrem Wege zur Ausbildung zu begleiten und die Fort- 31) Treitschke, Deutsche Geschichte, Bd. I, S. 106. 32) R.Haym, Wilhelm von Humboldt, S.U. 33) D.Friedländer, Etwas über Moses Mendelssohns Pentateuch-Übersetzung (in: Berlinische Monatsschrift, 1786, S. 528). 34) D. Friedländer, Moses Mendelssohn. Fragmente von ihm und über ihn. 1819, S.31. 71

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