Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 1 · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 1
Article
Saul Ascher
Date
1936-01-01
Page
Seite 31 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2259275-2259303-2259305-2262114--4394-2262181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Fritz Pinkuss. Saul Ascher, ein Historiker der Judenemanzipation alterlichen Nationalstaaten mehr sind. Aus dem Grunde erscheint es ihm nicht mehr angängig, von Nationalkultur oder nationaler Zivilisation zu reden; auch die Bevorrechtung einer Rasse und deren Religion erscheint ihm undurchführbar, der moderne Staat kann für ihn nur Rechtsstaat sein (Germanomanie, S. 34, 42). Er betont gegen Rühs: Wer sich der Tatsache gegenüber verschließt, „daß das Band des gesellschaftlichen Lebens sich jetzt mehr auf das Prinzip des Rechts als auf jedes andere gründet", geht von einem gänzlich überholten Bildungsniveau der Menschheit aus. Die Bildung eines Staates im Staate, die Fichte und Rühs ständig sehen, erscheint ihm nur als eine geträumte Gefahr; er verweist auf seine Interpretation des Judentums und betont6), daß gerade kleine Gemeinschaften innerhalb eines Staates „eigentlich mit die Triebfeder ausmachen, die eine große Staatsmaschine in Bewegung setzen . . . die meisten Staaten bestehen durch ein Resultat von in sich enthaltenen kleinen Staaten". Leider ist Ascher von seinen Gegnern keiner sachlichen Antwort gewürdigt worden. Seine „Germanomanie" war jedoch so weit bekannt, daß sie bei. der Wartburgfeier mitverbrannt * wurde, was ihm den äußeren Anlaß zu einer scharfen Entgegnung in der Flugschrift „Die Wartburgsfeier" gegeben hat7). Über die Einzelheiten der Gedankengänge hinaus ist Aschers Methode für die Abwehr des Antisemitismus von einer gewissen Allgemeinbedeutung. Er hat wohl als erster erkannt, daß der moderne Antisemitismus wissenschaftlicher Art sein will. Er hat darum als erster ausdrücklich die Ausbildung einer staatswissenschaftlich fundierten Position gefordert und ist damit wohl einer der Vorläufer der modernen Abwehrtätigkeit8). Da im „romantischen deutschen Staat" für den Juden kein Platz ist, bleibt für Ascher nur die Forderung der Gleichberechtigung auf dem Boden und mit den Argumenten der Philosophie des liberalistischen Staates, auch dann — ja gerade dann —, als die Umwelt die Spraohe des politischen Liberalismus und der Aufklärung nicht mehr versteht. Da die Gegner der Gleichberechtigung in ihren Theorien in bezug auf den romantischen Staat fast unverändert geblieben sind, ist es die Tragik des jüdischen Kampfes um die Gleichberechtigung und der jüdischen Apologetik, daß auch sie in einer Sprache sprechen, die den 6) „Eisenmenger der Zweite", S. 85. 7) Vgl. Wartburgsfeier, S. 31. Auch sonst hat er eine scharfe Feder geführt. Im Gegensatz zu Mendelssohns vornehmer Zurückhaltung hat er zu allen Fragen des off entlichen Lebens Stellung genommen, sich sehr oft nachdrücklich gegen einzelne Vorwürfe gegen die Juden gewandt, vgl. „Der Falke", Jgg.1818, S.12,98; Jgg.1819, S.478, „Bemerkungen über die bürgert. Verb, der Juden", S. 78/85). Er war Berichterstatter für politische Zeitschriften, in denen er anscheinend seine Meinung rückhaltlos vorgetragen hat. Das Geh. Preuß. Staatsarch., Berlin-Dahlem, enthält unter Rep. 77. DXVI die Akten einer Untersuchung vom 9. April 1810 gegen ihn wegen „injuriöser Aufsätze über das Verfahren der höchsten Staatsbehörden", welche in den „Miszellen für die neueste Weltkunde" erschienen waren. Die Angelegenheit scheint jedoch für ihn keine schwerwiegenden Folgen gehabt zu haben außer einer Inhaftierung, weil er ein „unruhiger und ungehorsamer Bürger" gewesen ist; jedenfalls hat seine Korrespondententätigkeit keine Unterbrechung erfahren, nur stimmte er in späteren Veröffentlichungen einen „friedlicheren und gehorsameren" Ton an (Vgl. „Falke" Jgg. 1819, SS. 149/57, 265). 8) „Eisenmenger der Zweite", S.77, 92/3. Vgl. auch Grätz XI, 345, der als erster jüdischer Historiker Aschers Namen erwähnt, jedoch nicht betont, daß Aschers Tätigkeit eine wissenschaftliche Abwehr des Antisemitismus darstellt. 3t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.