Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Saul Ascher
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Pinkuss. Saul Ascher, ein Historiker der Judenemanzipaticn radikaler Aufklärer. Das höchste ethische Ziel des Menschen ist die Glückseligkeit, sie ist nur durch Erweiterung unserer Erkenntnis erreichbar. „Eine Religion . . (ist) . . ebenfalls ein Mittel, in uns diejenige Lücke auszufüllen, die wir nur mit Mühe durch Spekulation oder Dialektik ersetzen können . . ." (Leviathan, S. 14). Als „Lückenbüßerin der Vernunft" wird Religion so lange „zweckmäßig" sein, als die Menschen noch nicht genügend aufgeklärt sind, um sich zur reinen Religion der Vernunft zu bekennen3). Ganz im Anschluß an Hobbes, nach dessen Hauptwerk „Leviathan" er mit betonter Absicht auch das seine benennt, und dessen Nachfolger, wird die Aufgabe der Religion — und zwar die einzige — die Erziehung zur Staatsraison. Sie wird in diesem Sinne konfessionalisiert. Religion und Ethik werden getrennt, die Religion darf den Willen nicht beeinflussen. Ascher formuliert in kantischer Wendung: „Der Wille der freien Person muß seinen Beweggrund in der Vernunft haben" (Leviathan, S. 109). So darf er sich nicht scheuen, allen Gehalt der Offenbarung, der zu Handlungen auffordert, als nicht zum Kern der Religion gehörig zu bezeichnen. Es fallen mithin aus dem Bestände der Religion alle ethischen und alle kultischen Vorschriften, mithin das ganze Gesetz; es bleibt nur ein Kodex von 14 „Erinnerungszeichen" in Gültigkeit, die an das Dogma als das Wesentliche der Religion erinnern. Als geoffenbarte Religion definiert, bleibt dem Judentum nach einer umständlichen Interpretation der Quellen durch ihn kein anderer Gehalt als die Erziehung zu dem Bekenntnis, daß in der Gemeinschaft, nämlich im Staate, das größte Maß von Glückseligkeit vorhanden ist. Mithin Einordnung in den Staat ist die einzige j ü - dische Aufgabe des Juden. Wie sieht dieser Staat nun aus? Selbstverständlich ist er ein anderer als der der Hobbes'schen Philosophie; Ascher folgt den Ideen der französischen Revolution4). In Napoleon sieht er den Propagator der Menschenrechte und erwartet von ihm wie viele seiner Zeitgenossen die Einung der Menschheit5): „Mag der Deutsche aufhören, ein Deutscher zu sein, wenn er damit gebildeter, gewandter und menschlicher wird". Was tut er, als mit Napoleons Sturz der Traum vom aufgeklärten Staat ausgeträumt und die romantische Staatsidee in der Bewegung der „christlichen Deutschheit" die Gemüter beschäftigt? Trotz der Enttäuschung macht er die Abkehr eines Fichte, Rühs, Buchholz von den Gedankengängen der Aufklärung und des Kosmopolitismus nicht mit. Nicht nur weil er als Jude keinen Platz in dem neuen Staate hat, er sieht ihn überhaupt als ein unmögliches Gebilde an, weil die modernen Staaten seit dem Dreißigjährigen Kriege keine abgeschlossenen mittel- 3) Mit diesem dynamischen Wahrheitsbegriff steht er Lessing nahe, nicht aber Mendelssohn. *) In der Frage, ob die Gemeinschaft durch Neigung und Trieb oder durch Erwägungen entstanden sei, versucht er eine Kombination von Aristoteles—Grotius und Hobbes in ähnlicher Weise wie Pufendorff. Interessant sind seine Anschauungen über Verfassung, Revolution etc., in denen er stark unter Einfluß von Rousseau steht (Philos. Skizz. S. 13—22, „Mandevilles Bienenfabel" S. 14,30 u. a;). 5) vgl- „Napoleon . . .", S. 62, „GermanomanLe", S. 7, „Bagatellen aus dem Gebiet der Poesie" Bd. II, S. 194. Unter dem Einfluß der französischen Revolution sind diese Gedanken bei ihm ähnlich formuliert wie bei Kant „Zum ewigen Frieden". 30