Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Saul Ascher
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Pinkuss. Sau! Ascher, ein Historiker der Judenemanzipation nur eine mögliche Religion geben, die „Religion der Vernunft"; wollte er Jude bleiben, so mußte er beweisen, daß diese Vernunftreligion — und nur diese allein — die Religion des Juden sei. Die im „Jerusalem" erfolgte Identifizierung von Judentum mit geoffenbartem Gesetz schien, ohne daß es schon ihm selbst klar zu Bewußtsein gekommen war, eine „Politisierung des Judentums" in sich zu bergen, weil das Gesetz zu dem Zweck gegeben war, die Theokratie zu konstituieren und Israel als Volk zu erhalten. Mußte nicht, streng genommen, schon in dem Augenblick seine Verbindlichkeit erlöschen, in dem der jüdische Staat, dessen Verfassung es darstellte, nicht mehr bestand; um wieviel mehr stand es im Wege, als man die vorhandenen Trennungslinien zwischen dem Juden und der Umwelt zu verwischen suchte und die organische Einordnung des Juden in das Gefüge des nichtjüdischen Staates erstrebte. Ist aber das Judentum mit diesem geoffenbarten Gesetz identisch, wie es Mendelssohn gelehrt hatte, stünde dann nicht das Judentum an seinem Ende, wenn das Gesetz fallen durfte? Saul Ascher2) hat nicht den Mut zu einer Konsequenz etwa eines David Friedlaender. Er versucht, das Judentum zu „entpolitisieren", es durch die Emanzipation hindurch zu erhalten, indem er es wieder als geoffenbarte Religion definiert. Freilich, ihn interessiert nicht das Wesen der Religion, er will nicht Theologe sein; er fragt nach ihrem „Zweck", nicht nur um das Mißverständnis aufzuklären, das sich an Mendelssohns Definition des Judentums knüpfen konnte, als sei es ein „Staat im Staate", sondern um nachzuweisen, daß es einer Emanzipation seiner Anhänger nicht nur nicht im Wege stehe, sondern zu staatsbürgerlicher Gesinnung erziehe. Von dieser Absicht her entwickelt er seine Religionsphilosophie. Er ist 2) Saul Ascher stammte aus einer alten Berliner Familie, wurde am 6. Februar- 1767 zu Berlin geboren und starb dort am 8. Dezember 1822. (Über seine Familie vgl. Register „Landshut" Nr. 1559, 1484, 2070, 1760/61, 1364, 2489, ferner die Register der Jüdischen Gemeinde Berlin. — Vgl. Amtsblatt der Kgl. Kurmärk. Regierung 1814, Nr. 40, Akten des Berliner Polizeipräsidiums, Namensliste A. 19. etc.). Er scheint sein ganzes Leben in seiner Heimat verbracht zu haben, war aufgrund des Schutzjudenpatentes seines Vaters im Besitz des Wohnrechtes (Akten des Polizeipräsidiums Berlin-Schöneberg, alte Judenakten Nr. A. IS.). In seinen Veröffentlichungen führte er vom Jahre 1815 ab den Titel eines Dr. phil., so auch in allen zeitgenössischen Berliner Adreßbüchern. Wo er promoviert hat, war nicht mehr festzustellen. Von Beruf war er nicht, wie Grätz (XI, S. 336) meint, Arzt, auch nicht, wie mehrfach angenommen wird (so u. a. Meusel, Gelehrtes Deutschland, Bd. V, 2, S. 365) Buchhändler, sondern freier Schriftsteller, wahrscheinlich in recht bescheidenen Verhältnissen (vgl. Allg. Berliner Adreßbücher 1811—1823, wo er unter der Rubrik „Schriftsteller" geführt wird). Seine schriftstellerische Tätigkeit war umfangreich . . . Auf eine gewisse jüdische Gelehrsamkeit ist aus seinen Veröffentlichungen nicht zu schließen; zu Juden scheint er wenig Beziehungen gehabt zu haben, Mitglied des Kulturvereins oder der Gesellschah der Freunde war er nicht. Strodtmann, „H. Heines Leben . . ." I, 449, II, 400, ist einer der wenigen, die ihn erwähnen und als nüchternen Kantianer bezeichnen. Mit Salomon Maimon war er bekannt; er berichtet selbst (Germanomanie, S. 55), aus seiner Hand habe Maimon zuerst ein Exemplar von Kants Kritik der reinen Vernunft erhalten, und er habe ihn zur Schriftstellern ermuntert. Maimon erwähnt Ascher nicht, jedoch berichtet S. J. Wolff, Maimoniana, S. 118, daß Ascher Maimon gefördert und ihm seine Bibliothek zur Verfügung gestellt habe. Mendelssohn hat er in seiner Jugend wohl noch persönlich kennengelernt, jedoch engere persönliche Beziehungen zu ihm nicht gepflogen. 29