Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Antisemitismus im Mittelalter
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Antisemitismus im Mittelalter. Ein Wort pro domo wiederkehren-, daß sie auch dem nur wenig Orientierten im Gedächtnis haften müssen, und daraus 43Vi v. H. macht, zeigt, wie flüchtig er sich mit der Literatur beschäftigt hat. Ähnliches gilt von seinen Quellenforschungen. Sein Erstaunen, daß die Verpfändung der Juden an die Krone Bayern auf 1323 angesetzt ist, zeigt, daß er nicht einmal Wiedemanns Regensburger Urkundenbuch (Monumenta Boica 53) benützt hat. Tatsächlich führt er es im Literaturverzeichnis auch nicht an und zitiert es nirgends. Dieses Urkundenbuch reicht allerdings nur bis 1350, und Grau hat seine Untersuchungen gerade soweit rückwärts ausgedehnt, wie meine Edition reicht, deren Druckbogen er sich von mir aushändigen ließ, nämlich ab 1453. Auf so schmaler Basis, die kaum für eine ordentliche Spezialuntersuchung reicht, begründet Grau seine „ganzheitliche Betrachtung"! Nur so konnten so schwere Entgleisungen vorkommen, wie die Konstruktion eines „jüdischen Frühkapitalismus" im Spätmittelalter (52). Das ist nichts anderes als ein Absurdum. Was kann man bei so völliger Unorientiertheit von Graus Urteil über di e Wirts ch afts - funktion derjuden, also das eigentlich zentrale Kapitel, erwarten? Auf diesem Gebiet liegen denn auch von den vielen Mißdeutungen Graus die weitaus wichtigsten. Zwei Gesichtspunkte treten bei seiner Beurteilung als bedeutsam hervor: 1. Daß der „Wucher" der Juden, im allgemeinen durchaus als Zinswucher verstanden, in den Regensburger Quellen keine erhebliche Rolle gespielt, habe ich (77) dargelegt. Grau scheint mir darin zu folgen, erklärt aber, daß die Klagen der Bürger nicht so sehr den Geldwucher als den „Sozialwucher" der Juden gemeint hätten (182). Diese Ansicht könnte durchaus erörtert werden, wenn Grau ihre Gründe auch nur irgendwie andeutete. Die Quellen ergeben nämlich nicht die geringste Grundlage für diese Auffassung. Man könnte den angeblichen Sozialwucher darin erblicken, daß die Juden, die billig zu kaufen bestrebt waren, nach schlechter Geschäftssitte10) den Verkäufer im Preis drückten. Daß sie das weitgehend getan haben, scheint außer allem Zweifel zu sein. Aber darum handelt es sich nicht. Denn der allgemein gegen sie erhobene Vorwurf ging dahin, daß sie zum Schaden der christlichen Bürger zu billig verkauften. Das war kein Sozialwucher, auch kein Verstoß gegen die kirchliche Lehre vom iustum pretium, wohl aber eine Verletzung der wirtschaftlichen Interessen der christlichen Bürgerkreise. Obwohl Grau selbst in Übernahme meiner Interpretation der Quellen auf den Zinswucher der Juden Regensburgs in jener Zeit kein Gewicht legt, wendet er sich doch mit großer Schärfe (43 u. ö.) gegen mich, weil ich zu Unrecht behauptet hätte, die kanonische Zinslehre und die Lehre vom iustum pretium sei im ausgehenden Mittelalter in Theorie und Praxis abgemildert worden. Er vertritt mit Nachdruck das unverminderte Fortbestehen einer thomistischen Gesinnung. Die Gesinnungswandlung im ausgehenden Mittelalter läßt sich hundertfach nachweisen. In zureichendem Umfang habe ich das auf S. 33 meiner Arbeit getan. Grau polemisiert in Wirklichkeit nicht gegen mich, sondern gegen die herrschende Auffassung der Geschichtswissenschaft. Das könnte ein großes Verdienst sein, wenn er seine Darlegungen sachlich begründete11). 10) Auf die schlechten Sitten der christlichen Kaufleute im ausgehenden Mittelalter hat E. v. Ranke in ihrem bekannten Aufsatz in den Hansischen Geschichtsblättern hingewiesen. Man wird bei den Juden im allgemeinen keine besseren Sitten voraussetzen können. Für schlechtere Sitten sind mir keine einwandfreien Zeugnisse bekannt. Man bedenke aber, daß Gemeiner selbst die christlichen Zeitgenossen der Judenvertreibung als „verwerfliche Menschenklasse" bezeichnet (4, 144). Es geht nicht an, so wie Grau es tut, die christliche Wirtschaftsgesinnung nach der Lehre zu beurteilen, aber die jüdische nach der stets unvollkommenen Lebenspraxis. ") VgL z. B. allein schon K. Brandi „Der populäre Abscheu gegen Zins und Wucher war der naive Ausdruck der Tatsache, daß man sich von einer neuen Form des Wirtschaftslebens bedrückt fühlte." 23