Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Antisemitismus im Mittelalter
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Antisemitismus im Mittelalter. Ein Wort pro domo 1. daß er zu den grundsätzlich wichtigsten Behauptungen häufig überhaupt keinen Nachweis gibt6), 2. daß er in anderen Fällen auf meine Quellensammlung („Beil.") verweist, aber oft falsch verweist, da die Quellen nichts für die Behauptung ergeben, 3. daß er Nachweis für seine Behauptungen bringt, aber nächstbenachbarte, die gegen sie zeugen, verschweigt, 4. daß angeführte „Beweise" nur durch ganz willkürliche Auslegung zu Beweisen werden. Ich bemerke zu 1: ein jüdischer Hausindustrieller beschäftigt gleichzeitig- Gesellen aller Handwerke (51). Die reichsten Juden waren auch die besten Talmudkenner (184). Die Juden zahlen „große Summen" zur Abfindung der ihnen auferlegten Fastnachtsscherze (152), u. v. a. Soviel Worte, soviel Phantasie. zu 2: der Bischof ließ am kaiserlichen Hof beteuern, „er habe sich persönlichvon der Blutschuld der Juden überzeugt" (119). Der angeführte Beweis (Beil. 283), eine Instruktion für den bischöflichen Gesandten, sagt: der Bischof sei durch die Seinen, die dabei gewesen, genügend unterrichtet, daß die Juden den Mord gestanden hätten. Also nichts von „persönlich überzeugt", sondern annähernd das Gegenteil. Der Bischof trat in der Mordsache nie in Widerspruch zur Stadt (G. 120). Von den zum Beweis zitierten 8 Beilagen (191) erwähnen zwei den Bischof weder dem Wortlaut noch dem Sinne nach, und weitere vier betreffen die Mordsache nicht. Nur ein einziger der acht Belege könnte eventuell im Sinne Graus gedeutet werden, aber nur mit erheblicher Mühe. Mag dies als Beispiel für Graus Bedenkenlosigkeit, Nachweise zu schaffen, genügen. Wer sich gleich mir die Mühe machen will, kann viele derartige verblüffende Feststellungen machen. zu 3: die Freude über die Judenvertreibung war allgemein (G. 119). G. verschweigt die ausdrücklich entgegenstehenden Zeugnisse (Beil. 1002, 1100, 1040, und Gemeiner 4, 359), die in meiner Arbeit (147) angeführt sind und das genaue Gegenteil beweisen. Friedrichs III. Schutz für die Juden ging nach G. (103, 107) auf „Habgier, Wohlwollen, aber doch nicht auf echte Liebe" zurück. Welch drollige Spekulationen! Dazu überflüssig im Hinblick auf die von mir (15) zitierten Quellen (MJOeG7 und hebräische Chronik Emek Habachah), die Grau nicht erörtert, sondern verschweigt. Im Zusammenhang mit der Passauer Sakramentsschändung von 1477 habe ich auf die Beill. 437,442,444 hingewiesen. Grau hingegen zitiert entsprechendenorts (S. 194, Anm. 34) nur die beiden letzteren, unterdrückt hier aber die unerläßlich zugehörige Beil. 437. So kommt er zu der Deutung, daß die Sache „unklar" sei. Sie ist aber bei sorgfältigem Aktenstudium völlig klar. Grau nennt (119) die Juden, die aus der Stadt flüchteten, Überläufer zu den Feinden der Stadt. Er erkennt dabei selbst an (137), daß das Unrecht, das sie von der Stadt erlitten, größer war als das von ihnen verschuldete. Völlig verschweigt er aber, daß solcher „Übergang zum Feind", d. h. Aufsuchung eines Schutzverhältnisses bei anderen, nach den Zeitumständen der Stadt mitunter verfeindeten Herren, bei den Christen ebenso vorkam (Straus 125; Gemeiner 4, 309), daß es sich also um Notstandsaktionen, aber nicht um Verrat handelte. zu 4: ich habe in meiner Arbeit nachgewiesen (38), daß der Bischof, als der Kaiser Einspruch erhob, sich von der Ritualmordsache zurückzog und seine Anzeige gegen die Juden als „mehr für Hof mär" erzählt und entscheidend abschwächte. Die Bedeutung des Ausdrucks „Hofmär" habe ich aus der zeitgenössischen Literatur (Seb. Franck) geklärt. Durch die Zusetzung des Wörtchens „mehr" ist die Rückzugsabsicht des Bischofs völlig deutlich. Sie wird ebenso klar aus seinem Wunsch, gegenüber dem Kaiser in dieser Sache nicht genannt zu werden. Nur für Grau bleibt auch diese Sache „unklar" (22). 6) Ich selbst habe mir gerade diese Dinge in meiner Arbeit nicht leicht gemacht. Vgl. z.B. SS. 106ff., 110 u.ö. 20