Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Antisemitismus im Mittelalter
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Antisemitismus im Mittelalter. Ein Wort pro domo G. behauptet mit Entschiedenheit das Gegenteil (31). Aber: „Die neuen, immer weiter ausgedehnten H a n d e 1 s Unternehmungen der Juden" (40 u. 49) und: „Der jüdische Warenhandel vor allem verursachte den großen Haß gegen die Juden" (55). Die Reihe dieser Widersprüche, die sich stark vermehren ließe, mag zeigen, wie richtig Grau den komplexen Charakter des „Antisemitismus im Mittelalter" erkannt hat und wie wenig es ihm gleichwohl gelungen ist, zwischen der Vielfältigkeit der jüdisch-christlichen Spannungen den schmalen Pfad des richtigen Urteils zu finden. Von den Ursachen des Mangels an Gründlichkeit. Grau hat den Pfad aus Mangel an Orientierungssinn und -eifer in dem höchst schwierigen Gelände versäumt. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, wie schwer es für einen Nichtjuden sein muß, sich in der jüdischen Geschichte zurechtzufinden5). Erschließt sich die geschichtliche Wahrheit im allgemeinen schon nur werbendem Bemühen, so erst recht dann, wenn Eigenheiten fremder Religionen, fremder Völker oder „Rassen" im Spiele sind. Ich hätte mich als Jude wahrlich nicht getraut, eine „ganzheitliche Betrachtung" (G. 183) eines das Christentum betreffenden Themas auf eine nur angelesene Kenntnis zu begründen. Immerhin gibt es auch ein fleißiges und gründliches Anlesen, das zwar nicht zu einer „ganzheitlichen Betrachtung", wohl aber ein Stück Weges dahin führen könnte. Auch dazu ist Grau nicht im entferntesten gelangt. Was soll man über die Orientiertheit eines Mannes sagen, der einen „Schulklopfer" bald für einen Rabbi (G. 10), bald für ein „Schofar" hält (G. 176)! Jeder, der nur genug gelesen hätte, hätte feststellen können, daß die Juden ihre Toten nicht am Sabbath begraben (G. 8), und brauchte sich nicht mit der völlig ungestalteten Feststellung einer jüdischen „Geheimlehre" zu begnügen (S. 145). Die jüdische Kabbalah, die wahrscheinlich gemeint ist, ist seit Reuchlins Tagen von christlichen Gelehrten in Deutschland (in Italien schon früher) gründlich erforscht worden. Sie ist so wenig geheim, wie die Lehre Johannes Taulers oder Angelus Silesius'. In der gleichen Art hat man in der Aufklärungszeit — aber nicht in der Geschichtswissenschaft! — das mittelalterliche Christentum als Kinderschreck drapiert. Diese völlig unzulängliche Grundlegung einer „ganzheitlichen Betrachtung" der mittelalterlichen Judenfrage hätte sich Grau ersparen können, ja ersparen müssen, wenn er wirklich, wie er vorgibt (183), seiner Betrachtung allein Regensburger Quellen zugrundegelegt hätte. In Wirklichkeit aber geben die Regensburger Quellen für eine solche „ganzheitliche Betrachtung", besonders aber für die Feststellung der jüdischen „Wirtschaftsgesinnung" keine auch nur entferntest ausreichende Grundlage. Derartige Allgemeinbetrachtungen können nur auf Grund einer sehr vielfältigen und ausgedehnten Quellenkenntnis und nur als deren allgemeiner Niederschlag ermöglicht werden. Auf der ganz schmalen Basis, die sich Grau ausgesucht hat, ist dergleichen überhaupt nicht möglich. In welcher Weise Grau seine Allgemeinbehauptungen begründet bezw. vielfach nicht begründet, ergibt sich daraus, 5) Programmaufsatz der ZGJD I (1929). s* 19