Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Leopold Zunz als Historiker
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Luitpold Wallach. Uebcr Leopold Zunz als Historiker. Eine Skizze gefaßte Geschichte, die zu ihrem Forscher spricht: tua res agitur“17). Diese Rezeption, in der ein gutes Stück Glaube steckt, beruht schließlich auf dem Grundmotiv der jüdischen Wissenschaft: Rehabilitation des Judentums vor der Umwelt und vor der Geschichtslosigkeit der eigenen Gemeinschaftsglieder. Dem Gedanken wissenschaftlicher Objektivität schlechthin widerspricht dieser offen zugegebene Zweck der Wissenschaft des Judentums keineswegs. Denn letztlich bedeutet dies nur die Erkenntnis, daß die eigene historische Erkenntnis selbst wieder einmal historisch wird. Und schließlich hat sich ja der Gedanke einer Objektivität schlechthin in historicis als eine Unmöglichkeit erwiesen18). Die sachlich konstitutiven Elemente seiner wissenschaftlichen Methode verdankt Zunz seinem Universitätsstudium in Berlin (1815—1819). Hier sind es vor allem die Vertreter der klassischen Altertumswissenschaft, die ihn nachhaltig beeinflussen. „Boeckh belehrt mich, allein F. A. Wolf zieht mich an“, gesteht er selbst19). Beiden verdankt er das fachwissenschaftliche Rüstzeug zum Philologen. Wie ihm Wissenschaft des Judentums jüdische Altertumswissenschaft ist, Wiederbelebung einer nationalen Kultur auf Grund einer eigenständigen Literatur, ganz im Sinne der Wölfischen Altertumswissenschaft, hat Max Wiener20) eingehend gezeigt. Da Zunz in Berlin auch bei einigen Vertretern der Historischen Schule hört, u. a. deren Wort führer Savigny, könnte zunächst mit einer Beeinflussung von dieser Seite her gerechnet werden, was aber nicht wahrscheinlich ist. Die Historische Schule rechnet stets mit dem augenblicklichen historischen Zeitgeist, ohne sich allerdings an diesen zu verlieren .Zunz wieder verwahrt sich von Anfang an dagegen, augenblickliche Modeinteressen in die Intensionen der forschenden Arbeit einzubeziehen21). Hingegen scheint es, daß Zunz unter dem Einfluß der geschichtlichen Ideenlehre Humboldts steht. Ein abschließendes Urteil darüber wird erst nach der Durchsicht seines handschriftlichen Nachlasses22) möglich sein. Daß er sonstigen Einflüssen nicht unzugänglich ist, zeigen die Spuren seiner ausgedehnten Lektüre, von der die „Funken“ in seinen eigenhändigen Aufzeichnungen Zeugnis ablegen23). Hier soll zum erstenmal ein derartiger Einfluß nachgewiesen werden. Durch die von Immanuel Wolf24) postulierte „Gezweiung“ der Wissenschaft des Judentums in „Kunde des Judentums in seiner literarischen 17) Wiener, S. 177 u. ähnlich öfters. 18) Es genügt in diesem Zusammenhang auf Th. Litt, Erkenntnis und Leben, Untersuchungen über Gliederung, Methoden und Beruf der Wissenschaft (1923), S. 121, zu verweisen: im Verstehen gilt es . . die eigene individuelle Ichheit weder völlig auszulöschen noch unverändert, aus dem eigenen Erlebniszentrum heraus, zu aktualisieren, ferner ebenda S. 124: es ist dem Subjekt auferlegt, das eigene Erleben . . zum Anklingen zu bringen und doch nicht im eigenen Rhythmus ausschwingen zu lassen, vielmehr eben so zu variieren, daß das fremde Erlebniszentrum nicht verfehlt wird. 19) Das Buch Zunz, S. 19. 20) a. a. O., S. 177—187. 21) Vgl. sein unzweideutiges Vorwort zum ersten Band (1822/23), der von ihm redigierten Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, ferner Elbogen MGWJ 1922, S. 90. 22) Im Archiv der Zunz-Stiftung in Berlin. 23) Das Buch Zunz, S. 27 ff. 24) In seinem leitenden Aufsatz in der Zeitschr. f. d. Wissenschaft des Judentums (1822/23), S. 18 u. 20; über ihn vgl. Wiener, S. 187 ff. 250