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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 4 · p. Seite 249

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 4
Article
Über Leopold Zunz als Historiker
Date
1935-01-01
Page
Seite 249 (sequence 3)
Language
German
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Luitpold Wallach. Ueber Leopold Zunz als Historiker. Eine Skizze öfters einengende Unfreiheit und dem Unternehmen einer tieferen gedanklichen Durchdringung abhold gewesen sein. Während die Kulturvereinler vom Jahre 1819 auf dem Boden der Hegelschen Philosophie standen oder doch wesentliche Anregungen von ihr empfingen, ist es so nicht verwunderlich, daß zeitgenössische, lehrhaft philosophische Einflüsse bei Zunz eigentlich nicht zu bemerken sind. Dazu paßt ganz gut das eigene Geständnis, daß ihn während seines Studiums in Berlin die philosophischen Vorlesungen Solgers langweilten13). Seine historische Denkweise ist in ihrer Grundhaltung durchaus an der Aufklärung orientiert. Nicht irgendwelches jüdische Ressentiment kommt zum Vorschein, wenn er bittere Worte für die Urheber der mittelalterlichen Judenverfolgungen findet, sondern in der Hauptsache die Ansicht des Aufklärers, daß solche leidvolle Geschehnisse nur auf bewußte menschliche Absichten zurückzuführen sind. Einzelne Menschen machen Geschichte, nicht das Wirken und Weben geistiger Mächte. Als Menschenwerk kann die allgemeine Geschichte nicht sinnvoll sein, daher eine leiderfüllte jüdische Geschichte. Der Rationalist in Zunz sucht in der Geschichte die ewig gleichbleibende Vernunft und findet sie nicht Daher wettert er ganz schulgemäß gegen Pfaffentum, Aberglauben und Herrschsucht14). Daß er seine Lebensarbeit einem bisher kaum erforschten Abschnitt der jüdischen Geschichte zuwendet, entspricht ganz der von der Romantik in der Wissenschaft eingeführten Arbeitsteilung und Spezialisierung auf einen bestimmten Zeitabschnitt15). Nicht ganz zufällig ist auch seine Vorliebe für das jüdische Mittelalter. Wenn ersieh nicht derart wie die Romantik16) ins Mittelalter „zurück enthusiasmiert“ (Heine), so geht sein feinfühliges Vermögen, sich in den Geist der Vergangenheit zu versetzen, doch auf den romantischen Zeitgeist zurück, der bei ihm allerdings nie die Oberhand gewinnt. Denn letzten Endes sieht er in der Geschichte ein Hinstreben zum Menschtum im Sinne Lessings und Herders. Seine historische Gedankenwelt, von vernunftmäßigen und romantischen Elementen getragen, ist so schließlich von der Geschichtsanschauung des Humanitätsgedankens überdacht. Sein jüdisches Erlebnis aber drückt ihr den Stempel auf. Daher ist sein historisches Blickfeld im Zusammenhang mit dem bei ihm gelegentlich zum Vorschein kommenden sittlichen Pathos, das ihn dann doch als schroffen romantischen Individualisten zeigt, ausgesprochen judäozentrisch; das heißt ausgehend von der jüdischen Geschichte wird versucht, die allgemeine zu begreifen. Es ist dies „die im eigentlichen Sinne als Eigenbesitz auf- 13) Das Buch Zunz, S. 19. 14) Belegstellen dafür bieten zahlreiche Aeußerungen in seinen Schriften. Besonders deutlich ist eine Stelle in der Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, S. 453. Hier (mit Pinchas ben Kalonymos 1765) endet das Selichazeitalter. Zwar standen Inquisition und Tortur, Spießruten und Ghettos, Judenzeichen und Leibzoll, Wahnglauben und Despotie, Zunft- und Raubstaaten noch aufrecht; aber in den Köpfen der Auserwählten bilden sich bereits die Elemente des Sturmes, der nunmehr ein Jahrhundert währt, um Junker und Pfaffentum, Sklaverei und Tyrannen samt Judengesetzen und Rache-Selichot über Bord zu werfen. 15) Vgl. G. von Below, Die deutsche Geschichtsschreibung von den Befreiungskriegen bis zu unseren Tagen (1919), S. 19. 16) Ueber die Ursachen der romantischen Einstellung zum Mittelalter gibt es bis jetzt keine befriedigende Darlegung. Gottfried Salomon, Das Mittelalter in der Romantik (1922), geht auf diese Frage nicht ein. 249

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