Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Leopold Zunz als Historiker
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Luitpold Wallach. Ueber Leopold Zunz als Historiker. Eine Skizze Als der in Berlin 1819 gegründete „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“ nach kurzem Bestehen schon 1824 geräuschlos auseinandergegangen war, hinterließ er der Zukunft den Begriff der Wissenschaft des Judentums9), Leopold Zunz aber, der Vereinsseele, die neuzeitliche Begründung dieser Wissenschaft. Welche Formkräfte waren es nun, die Zunz’ künftigem Schaffen zugrunde lagen? Zur Beantwortung dieser Frage reicht die äußerliche Ermittlung biographischer Daten nicht aus. Die Erkenntnis seiner Ideenwelt würde den Mann und sein Werk in hellerem Lichte erscheinen lassen. Eine geistige Entwicklung wird dabei nicht zu betrachten sein; denn mit einer fertigen Denkart, mit einer bewußten Zielsetzung, die bis ins Greisenalter gleich bleibt, geht schon der junge Zunz an die Begründung der Wissenschaft des Judentums heran. „Er hätte ein großer Historiker sein können und war doch nur ein — Antiquar“, lautet ein hartes Urteil Hermann Cohens10) über ihn. Dieses Urteil gründet sich aber offensichtlich auf Schlüsse, die sich aus dem Rückprojizieren neuerer methodologischer Gesichtspunkte auf Zunz* Werk ergeben mußten. Gerecht kann man ihm aber nur werden, wenn versucht wird, seine Leistung aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Dabei darf nie außer acht gelassen werden, daß Zunz zu sehr wegbereitender Einzelgänger war und andererseits das von ihm verarbeitete Material abseits von den Grundstimmungen seiner Zeit lag. Den Ansprüchen einer geistesgeschichtlichen Methode kann seine Gesamtleistung natürlich nicht entsprechen, wenn auch die Substanz seines Werkes für die Wissenschaft des Judentums immer grundlegend bleiben wird. Mit modernen Augen betrachtet, fällt bei Zunz allerdings zunächst die sammelnde, aber auch ordnende Behandlung des historischen Stoffes, das offensichtliche Behagen am „Antiquarischen“ auf. Es scheint, als könne er sich der Stoffmassen nicht erwehren, so daß er ihnen beinahe erliegt11). Aber nicht nur die Stoff menge lastet auf ihm, sondern auch seine Anempfindung, das Nacherleben früherer Zeiten. Denn neben dem Werk und untrennbar von diesem steht bei Zunz auch ein Charakter. Er war nicht nur ein denkender Historiker, sondern auch ein mitfühlender, der sich in die Abgründe der mannigfachen Leiden seiner Gemeinschaft versenken konnte. Er erlebte den Dornenweg jüdischer Vergangenheit und mußte an sich selbst die Schmerzen seiner jüdischen Gegenwart fühlen12). Weil er jüdische Geschichte sub specie aetemitatis betrachtete, schreckte ihn weder die Vergangenheit noch die Zukunft. Diese Zuversicht ließ ihn oft mitreißende Worte finden. Auf ihr fußt sein sittliches Pathos, das freilich auch gewisse romantischhistorische Stimmungen in sich birgt. Das innige gefühlsmäßige Miterleben des geschichtlichen Geschehens mag jedenfalls für sein Werk denen Lexika gehen auf die D. Kaufmanns ADB 54 (1899), S. 490 ff. (wieder abgedruckt in Ges. Schriften 1, 333 ff.) zurück. Eine Auswahl aus seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen ist: Das Buch Zunz, Künftigen ehrlichen Leuten gewidmet. Eine Probe eingeleitet und hrgg. von Fritz Bamberger, Berlin 1931. 9) Vgl. I. Elbogen, Zum Begriff „Wissenschaft des Judentums“ (in: Zum öOjähr. Best. d. Hochschule f. d. Wiss. d. Judentums Berlin, zugleich 49. Bericht (1932), S. 33 ff.). 10) Vgl. Fritz Bamberger a. a. O., S. 3. u) Vgl. I. Rabin, Stoff u. Idee i. d. jüd. Geschichtsschreibung (in: Dubnow- Festschrift, S. 51 ff.). 12) Bekannt ist der maßlose Angriff Paul de Lagardes (Erinnerungen an Fr. Rückert. Lipmann Zunz und seine Verehrer, Göttmgen 1886), den D. Kaufmann, Ges. Schriften 1, S. 207 ff., zurückgewiesen hat. Vgl. auch die anonyme Schrift „Zur Ehrenrettung eines Verstorbenen“, Berlin 1891. 248