Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 3)
- Language
- German
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Fritz Aronstein. Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen besonders in Frankfurt a. M., aber auch in Oesterreich, Amsterdam usw. hervorgerufen hat. Ueber Amsterdam heißt es dort: „Die in Amsterdam wohnhafte Juden wollen in diesem blinden Eyffer es allen andern zuvor thun / und waren mit ihrer Freude gar ausgelassen / daß sie auch / am 1.11. und 2.12. Mertz in ihrer Synagog hierüber ein öffentliches Freuden-Fest mit brennenden Liechtem und Psalmen-Singen / so auff die Erlösung Israels gerichtet waren / und andern Ceremonien / in Beysein und Zusehung etlicher hundert ja tausend Christen hielten.“ (S. 440.) Aus dieser Quelle, deren Benutzung zwar nicht genau nachweisbar ist, werden Grimmelshausen die Gerüchte von den großen Bewegungen zugetragen worden sein, und vielleicht bekam er auch hier und da einen Brief über die Aufregung der Juden zu sehen. Ueber die Quellen der Messiaserzählung selbst ist schon von anderen gesprochen worden. Derartige Geschichten s'ind zahlreich, aber die Grimmelshausens hat ihre eigene Note. Die älteste uns bekannte Erzählung ist die des Cisterciensers Cäsarius von Heisterbach (etwa 1170— 1240) in seinen Dialoges miraculorum. Grimmelshausen weicht an entscheidenden Stellen von Caesarius und anderen alten Erzählern ab: bei ihm weiß das Mädchen nichts von dem Manne und glaubt, daß er der Prophet Elia sei9). Bei Caesarius hingegen wird dieser Ausweg erst nachher gewählt, um die Eltern des geschändeten Mädchens zu beruhigen. Der Verführer — ein Kleriker — empfiehlt dem Judenmädchen, ihrem Vater zu sagen: „Si concepi, nesdo; hoc sdo quia Virgo sum et nondum virum cognovi.“ Er selbst flüstert in der Nacht den Eltern durch ein Rohr zu: „O iusti et deo dilecti, gaudete, ecce filia vestra virgo concepit, et ipse erit liberator populi vestri Israel.“ Und als nun statt des erwarteten Messias dn Mädchen geboren wird, wirft einer der erzürnten Juden das Kind an die Wand und tötet es so. Eine deutsche Bearbeitung des Stoffes stammt aus dem 15. Jahrhundert von Hans Folz10). Hier spricht der Student zu den Eltern: Er sich unter ein palcken pückt Do er mit seinem ror zum peth Des iuden wol ein reichen deth Durch welches ror er reden wart Abraham trauter vater zart Und du sara die haussfraw sein Merckt eben auff die rede mein Gott läßt euch peiden sagen dass Den wahrhaftigen messias Dem tochter heint empfangen hat. Auf welchem Wege Grimmelshausen die Geschichte des Caesarius, die bei diesem im Rahmen einer Erzählungsreihe über von Christen verführte jüdische Mädchen steht, erhalten hat, ist nicht festzustellen. Sicher ist, daß er verschiedene bekannte Motive benutzt11) und zu einem verschmolzen hat. Und zwar ist das erste Motiv das des Elias als Vorbote des Messias, dann ist das Motiv von der Geburt des Messias durch ein jüdisches Mädchen da und schließlich das von dem Manne, der in der Einkleidung eines höheren Wesens zu seinem Liebesziel zu gelangen sucht Das Eliasmotiv ist bei Grimmelshausen sehr umgebogen worden. Es ist m. W. in der jüdischen Tradition nie davon die Rede, daß Elias selbst der Vater des Messias sein sollte, er ist nur der Bote, der Verkünder. Bobertag weist 9) VgL Felix Bobertag, Ueber Grimmelshausens Simplizianische Schriften. Breslau 1874. 10) In Ad. von Keller Fastnachtsspiele aus dem 15. Jahrhundert, 3. Theil, Stuttgart 1853, S. 1223 ff. u) Vgl. Bobertag a. au O. 3* 239