Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
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Fritz Aronstein. Eine j&dische Novelle von Grimmelshausen buch zu ersehen ist3). Wie kam Grimmelshausen aber zu der Schilderung einer in Amsterdam spielenden jüdischen Novelle? Man hat oft angenommen, daß Grimmelshausen auf seinen weiten Reisen auch einmal nach Amsterdam gekommen ist und so die Stadt, die seiner Novelle als Hintergrund dient, selbst gesehen hat. Die Jahre vor seiner Anstellung in Renchen wurden für diese Reisen mit Beschlag belegt. Die neuere Forschung hat dies abgelehnt4). Aus dem Buche Könneckes geht klar hervor, daß er um diese Zeit keine Reisen gemacht hat. Lochner weist nun darauf hin, daß vielleicht Philipp von Zesen5) als Vorlage gedient haben kann. Aber auch diese Annahme ist m. E. nicht nötig. Zesen beschreibt in seinem umfangreichen Buch Amsterdam ganz genau, jede Straße wird mit ihren wichtigen Gebäuden geschildert, und einige Seiten handeln auch von den dortigen Juden und ihren Gebräuchen. Von all dem ist bei Grimmelshausen nichts zu finden. Er, der sonst so anschaulich zu schildern weiß — man denke im besonderen an die genaue Beschreibung der Stadt Soest im Simplicius Simplicissimus —, sagt kein Wort über Amsterdam. Keine Straße wird genannt, kein Gebäude beschrieben, nichts was nur für Amsterdam gilt, wird angeführt. Ja auch von den bei Zesen genannten Gebräuchen der Juden wird bei Grimmelshausen kein einziger erwähnt. Es scheint somit erwiesen, daß Grimmelshausen keine Vorlage benutzt und die Geschichte nach Amsterdam gelegt hat, weil das Auftreten Sabbatai Zewis in der dortigen portugiesischen Gemeinde besonders starken Eindruck gemacht hatte, wie dies z. B. auch aus den Memoiren der Glückei von Hameln bekannt ist. Grimmelshausen selbst war nie in Amsterdam gewesen und hat — soweit sich aus dem Vogelnest schließen läßt — nichts von der Stadt gewußt. Schwieriger ist die Frage nach den Quellen der Messiasgeschichte und nach den der neuesten Begebenheiten in Amsterdam zu beantworten. Für diese ist die Abfassungszeit des Vogelnestes II von besonderer Bedeutung. Keller6) mutmaßt eine Ausgabe aus dem Jahre 1673 als Erstdruck. Lochner glaubt sogar, daß dieser eine verlorengegangene Ausgabe von 1672 vorangegangen sei. Tittmann)7 und Bechtold hingegen verlegen die Abfassungszeit des Vogelnestes II in die Jahre 1673 und 1674. Da die früheren Ausgaben nicht gesichert sind, vermuten wir, daß Grimmelshausen seine Messiasgeschichte frühestens im Jahre 1673 verfaßt hat. In diesem Jahre erschien der 10. Band des Theatrum Europaeum, dessen sonstige Benutzung durch Grimmelshausen nachgewiesen worden ist8). Der erste Teil dieses Bandes enthält einen ausführlichen Bericht über Sabbatai Zewi und über die Wirkungen, die sein Auftreten 3) Zum Leben Grimmelshausens und den einzelnen Quellen vgl. am besten Gustav Könnecke, Quellen und Forschungen zur Lebensgeschichte Grimmelshausens, hgg. von J. H. Schölte, 2 Bde. Gesellschaft der Bibliophilen, Weimar 1926 u. 1928. *) Arthur Bechtold, J. J. Chr. von Grimmelshausen und seine Zeit. Heidelberg 1914. Rudolf Lochner, Grimmelshausen, ein deutscher Mensch im 17. Jahrhundert. Reichenberg 1921. b) Filip von Zesens Beschreibung der Stadt Amsterdam. Amsterdam 1664. 6) Ad. von Keller in seiner Ausgabe des Vogelnestes, S. 917. 7) Tittmann in seiner Ausgabe des Vogelnestes (Einleitung). 8) Julius Petersen, Grimmelshausens „Teutscher Held“. Euphorion, 17. Erg.- Heft (Grimmelshausen) 1924 u. a. 238