Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 1)
- Language
- German
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Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen Von Fritz Aronstein Wie weit der Einfluß der sabbatianischen Bewegung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ging, zeigt die interessante Tatsache, daß der größte deutsche Romanschriftsteller der Zeit Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen von ihr wußte und daß sie ihm Anregung zu einer Novelle gegeben hat. In den Simplidänischen Schriften finden wir eine in Amsterdam spielende Erzählung, die, von den neuen Geschehnissen angeregt, alte Sagenstoffe wieder auf nimmt und sie gestaltet. Das 12. bis 21. Kapitel vom 2. Teil des „Wunderbarlichen Vogeinests“ behandeln diesen jüdischen Stoff1). Der Inhalt der Erzählung soll im Folgenden kurz angegeben werden. Der Besitzer des Vogelnestes, das die Eigenschaft hat, unsichtbar zu machen, kommt nach Amsterdam und dringt unsichtbar in das Haus des Juden Eliezer ein, um sich dessen Geld anzueignen. Dabei sieht er die schöne Tochter des Hauses und verliebt sich in sie. Die Liebe läßt ihm keine Ruhe, bis er endlich die Geschichte vom Propheten Elia hört und auf dieser seinen Plan aufbaut. Ein getaufter Jude Erasmus lehrt ihn einige hebräische Worte und erzählt ihm von den jüdischen Anschauungen und Gebräuchen. Der Kaufmann bringt nun die Juden durch verschiedene Zeichen zu dem Glauben, daß die Zeit des Messias gekommen sei, er erscheint dem Eliezer in der Nacht als der Engel Uriel, schleicht sich zu Esther, der er als Elia angekündigt war, und zeugt mit ihr ein Kind. E>er Jubel der Juden, die die Erlösung erhoffen, wird bitter enttäuscht, als das Kind ein Mädchen wird, aber auch jetzt gibt man noch nicht alle Hoffnung auf. Schließlich bringt es der Kaufmann so weit, daß Erasmus und Esther, die sich schon vorher liebten, heiraten, und er selber begibt sich wieder auf seine Wanderschaft2). Das Thema der Novelle und die Tatsache, daß Grimmelshausen es bearbeitet hat, sind wohl geeignet, näher untersucht zu werden. In seiner Jugend ist Grimmelshausen viel in der Welt herumgekommen, bis er schließlich Schaffner bei den Reichsfreiherren zu Schauenburg und. nachher Wirt in Gaisbach wurde. Im Jahre 1667 erhielt er die Stelle des bischöflich-straßburgischen Schultheißen in Renchen, einer kleinen badischen Stadt; er starb dort am 17. August 1676. In diesen Jahren in Renchen erschienen die Simplizianischen Schriften, die teilweise schon vorher geschrieben waren. Da vermutlich nicht alle Erstausgaben erhalten sind, kann man bei einigen Büchern das Erscheinungsjahr nur ungefähr festlegen. Wir sahen schon, daß das Leben Grimmelshausens sehr bewegt gewesen war, ja selbst im Alter hat er noch — zwar als Schultheiß — Kriegsdienste angenommen, wie aus der Todeseintragung im Renchener Kirchenx) Des wunderbarlichen Sinnen-schärffendeu / Kunstverfasten / Abentheuerlichen / Kurtzweiligen / Verwunderlichen / Absonderlichen / Lehr- Nutz- Kern- und Geheimnüs-reichen Vogel-Nestes / Fernere Fortsetzung und Geschichtsbeschreibung von Aceeeffghhiillmmnnoorrssstuu (1713). — Diese Buchstaben ergeben richtig geordnet den Namen Christoffel von Grimmelshausen. 2) Der hier benutzten Ausgabe von 1713 ist ein Kupfer beigefügt, das folgende Unterschrift hat: „Schau der Juden Aber-glauben Stellt hier der Betrug auf Schrauben Nur die Esther abzurauben.“ 237