Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Wer war der Orientalist Mithridates?
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 6)
- Language
- German
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Umberto Cassuto. Wer war der Orientalist Mithridates? nach ihm Walde25), haben in Anbetracht dessen, daß sein Schüler Conrad Summenhart 1478 in Tübingen weilte, angenommen, daß er sich schon in diesem Jahre in Tübingen befand. Aber das ist unmöglich* weil er zu der Zeit noch in Rom26) war. Da nun das erste sichere Datum seiner Anwesenheit in Deutschland das Jahr 1484 ist, können wir seine Auswanderung mit der 1483 eingetretenen Verschlechterung seiner Lage in Rom in Beziehung setzen. In Deutschland gelingt esihm, sich von neuem große Sympathien und große Hochachtung als Theologe, Philosoph, Dichter und Dolmetscher zahlreicher Sprachen zu verschaffen. Der Name di Moncada, der durch die Geschehnisse in Rom nicht mehr einwandfrei war, hätte ihm gefährlich werden können. Daher erscheint statt seiner plötzlich der Name Mithridates, der allein schon durch die klassischen Erinnerungen, die er erweckte, eine wirksame Empfehlung war. Außerdem fügt er noch den Beinamen „Römer“ (Romano) hinzu, der nur insoweit der Wahrheit entsprach, als er sich auf den mehrjährigen Aufenthalt in Rom bezog, ferner zuweilen seinen beiden Vornamen Wilhelm Raimund den Vornamen Flavius, wahrscheinlich aus dem oben von uns angenommenen Grunde. Er suchte also eine Art Glorienschein von Klassizität um sich zu verbreiten. Er verweilte und lehrte in L o e w e n und K ö 1 n27), hielt sich jedoch an beiden Plätzen nicht allzulange auf. Vielleicht infolge seines nur kurzen Aufenthaltes hinterließ er in diesen Orten angenehme Erinnerungen. Sein schon oben erwähnter Schüler Konrad Summenhart spricht* mit Bewunderung von ihm. Ebenso bewundernd drückt sich über ihn in einem für ihn geschriebenen Empfehlungsbrief vom 13. April 1485, als er die Rückreise nach Italien antreten wollte, R. Agricola aus. Auf dieser Reise verstand er es, in Basel die Bewunderung des Sebastian Brant zu erregen, der ihm ein Lobesgedicht widmete28). Das Datum dieser Reise läßt sich durchaus mit den Nachrichten vereinen, die wir von Mithridates aus Italien haben. Wir finden ihn in der Tat bei Giovanni Pico della Mirandola, vielleicht schon in Florenz, wo Pico vom Früh« jahr 1484 an bis zum Ende Juli 148529) wohnte, sicherlich aber in Perugia, wo Pico, nachdem er Florenz verlassen hatte, um sich nach Rom zu begeben, gezwungen sah, sich einige Zeit aufzuhalten, und dann in Fratta, wohin Pico flüchtete, als in Perugia die Pest ausbrach. Von ihm wurde Pico damals in die hebräische, aramäische und arabische Sprache sowie in die Geheimnisse der Kabbala eingeführt30). Es ist interessant festzustellen, daß in dieser neuen Verwandelung die 25) Walde, Christliche Hebraisten Deutschlands am Ausgang des Mittelalters München *1916, S. 153. 26) Wenn die Anwesenheit in Deutschland noch vor dem Jahre 1483 belegt wäre, müßte man auf die Identifizierung von Mithridates mit Moncada verzichten; das ist aber nur eine von Bauch vorgeschlagene Annahme, der Walde folgt. In Loewen, wo Mithridates war, bevor er nach Köln ging, kann er im Jahre 1483 angekommen sein. 27) Bauch a. a. O. Walde a. a. O. 28) Bauch a. a. O. Walde a. a. O. 29) Perles, Beiträge, S. 252 — Cassuto, Gli ebrei a Firenze, S. 288. Heute jedoch, auf Grund der Resultate der gegenwärtigen Forschung über die ständig aufeinanderfolgenden Namensänderungen unseres Helden, wäre ich eher dazu geneigt, zu glauben, daß der Guglielmo Siculo, der in Florenz im Hause des Pico war, ein anderer gewesen ist. Sicherlich kann der Maestro Guglielmo Siculo von Sizilien, der in einem Dokument des Florentiner Staatsarchivs vom 2. August 1481 erwähnt wird (Otto di Guardia, Vol. 52, 122), nicht der Moncada gewesen sein, der zu jener Zeit noch in Rom war. 3°) Vogelstein-Rieger a. a. O. II, S.75f. — Cassuto a.a. O., S. 290 f. 235