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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 4 · p. Seite 234

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 4
Article
Wer war der Orientalist Mithridates?
Date
1935-01-01
Page
Seite 234 (sequence 5)
Language
German
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Umberto Cassuto. Wer war der Orientallst Mithridates? Nissim Abu ’l-Faradsch. Seine Lage in diesem Zeitabschnitt spiegelt sich wohr in der doppelten hebräisch-lateinischen, von ihm in ein altes Manuskript seines Vaters eingetragenen Aufzeichnung wider. Er hält es aber bald für nötig, sich zu entscheiden; er nimmt die niedere Priesterweihe an, und sein alter jüdiscner Name verschwindet für immer; es bleibt nur noch der Name des Guglielmo Raimondo di Moncada zurück. Den Eifer für den neuen Glauben zeigte er besonders in seinen Religionsdisputationen mit seinen früheren Glaubensgenossen. Derartige Disputationen fanden auch in Gegenwart des Königs Johann II. von Aragon statt, ohne daß bekannt ist, an welchem Ort, ferner in den Versuchen, andere Juden zur Bekehrung zu veranlassen. Er erreichte es auch, daß ihm auch nach beendetem Studium in Neapel die Stipendien19) weiter gewährt wurden. Er erhielt von der Königlichen Regierung und von der päpstlichen Kurie das Zugeständnis des Wartezustandes auf geistlichen Pfründen, die im Jahre 147620) Wirklichkeit wurden, und. verstand es, auch für jüdische Einrichtungen bestimmte Fonds geschickt für sich auszunutzen. Ein vermögender Jude aus Agrigent, Salomone Anello, hatte zum Zweck der Errichtung eines jüdischen Studien-lnstituts in Agrigent testamentarisch eine bedeutende Summe hinterlassen. Bald machte sich jedoch eine, wahrscheinlich von Moncada inspirierte Bewegung bemerkbar, die die Regierung zur Verweigerung ihrer Einwilligung zur Errichtung des Institutes als einer der Staatsreligion abträglichen Einrichtung veranlassen sollte. Der Widerstand seitens der Juden Agrigents war vergeblich; nach langen und verwickelten Verhandlungen fällt die Entscheidung, daß die Erträge der von Anello hinterlassenen und von der Regierung beschlagnahmten Summe zugunsten des Guglielmo Raimondo di Moncada Verwendung finden sollen, damit er in Palermo — anfangs hatte man an Agrigent gedacht — Kurse in hebräischer und arabischer Sprache halten, Übersetzungen abfassen und Propagandawerke für die christliche Religion verfertigen sollte. Alle diese Ereignisse treffen in demselben Jahre 1476 ein21). Moncada blieb jedoch nicht lange in Sizilien. In der heimatlichen Insel, wo er sehr wohl bekannt sein mußte, hielt man wohl wenig von seiner Ehrlichkeit. Schon Anfang 1476, bevor die Verhandlungen über die von Anello begründete Schule begannen, wurde er der Ketzerei, d. h. offenbar des Judaisierens beschuldigt. Bald brennt ihm der sizilianische Boden unter den Füßen: außer dem Wunsch, noch weitere Fortschritte als die von Agrigent nach Palermo zu machen, ein Anlaß für ihn, sich nach Rom zu begeben. In Rom, wo er anscheinend 1477 eintraf, gelang es ihm, die Protektion des Kardinals Gianbattista Cibo zu erlangen und durchzusetzen, daß zu seinen bereits erlangten Pfründen noch andere hunzugefügt wurden. Am Karfreitag des Jahres 1481 hielt er im Vatikan die Passionspredigt und machte auf seine Zuhörer — auch auf den Papst — einen vorzüglichen Eindruck. Seine Gelehrsamkeit, seine Beredsamkeit, seine äußeren Vorzüge erwarben ihm große Hochachtung und verschafften ihm den Lehrstuhl für Theologie im römischen Athenäum22). Aber sehr bald verschlechtert sich seine Lage auch in Rom. Im Jahre 1483 wird er eines „Verbrechens“ angeklagt; welchen Verbrechens, wissen wir nicht; aber sicherlich verlor er dadurch seine Ämter und seine Pfründen23). Von neuem muß er seinen Aufenthaltsort wechseln. Diesmal ist es besser für ihn, die Alpen im Rücken zu haben. Er kommt nach Deutschland. Diejenigen Forscher, die sich mit seinem Aufenthalt auf deutschem Boden beschäftigt haben, Bauch24) und 19) id., doc. III u. IV, pp. 29—50. 20) id., p. 29 und doc. V—IX, pp. 51—57, und Lagumina in Archivio storico siciliano, III, N. S., pp. 347—359. 21) Starrabba, pp. 34—39, und die dort zitierten Dokumente; Cassuto, Artikel ,,Agrigento“ in der Encyclopaedia Judaica, I, 1048—1049. 22) Starrabba, pp. 39, 76—84, und die dort zitierten Dokumente; über den Lehrstuhl am Athenäum siehe p. 40 und Dok. XX, p. 82. 23) id., p. 44, und Dok. XXII, p. 91. 24) MGWJ XLVIII (1904), S. 78 ff. 234

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