Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Wer war der Orientalist Mithridates?
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 3)
- Language
- German
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Umberto Cassuto. Wer war der Orientalist Mithridates? astrologischen Schriften enthält auch verschiedene von einem Sohn des Nissipi, Samuel, niedergeschriebene und vielleicht z. T. verfaßte Gedichtchen, Notizen und sonstige Lückenbüßer. Steinschneider hat in seinem Katalog sofort die Übereinstimmung mit dem Namen des Vaters angemerkt und daher für möglich gehalten. daß Moncada ein Bruder dieses Samuel11) gewesen sei. Ein weiteres hebräisches Manuskript des gleichen Faradschi Bu ’l-Faradsch (so wird der Name hier geschrieben) ist der Casanatenser Kodex No. 202. In seinem Katalog hat Sacerdote12) irrigerweise den Kopisten mit dem Samuel ben Nissim des Münchener Kodex verwechselt, während es hingegen Nissim selbst ist, der auch diesen Kodex für den eigenen Gebrauch zusammenstellte; er enthält außer verschiedenen astronomischen Werken einen kabbalistischen Traktat, ein Lapidarium und Gedichte verschiedener Autoren. Daß er der Vater des bekehrten Moncada war, ist imzweifelhaft, und wir haben das Recht, in seiner aus diesen Manuskripten hervorgehenden Gelehrtentätigkeit die Vorstufe zu sehen, aus der sich die wissenschaftliche und literarische Persönlichkeit des Sohnes entwickeln wird. Ich würde jedoch mehr dazu neigen, anzunehmen, daß Moncada eher Samuel selbst war als dessen Bruder, wie Steinschneider annimmt. Die Sache wäre nicht unwichtig, denn das, was wir von Samuel erfahren können, würde uns zu einer deutlicheren Vorstellung von Moncadas Gestalt vor und unmittelbar nach seiner Bekehrung und zu einer besseren Beurteilung des ganzen Komplexes seiner Persönlichkeit führen. Es sind verschiedene Anhaltspunkte, die mir die Identifizierung von Samuel, dem Sohn des Nissim, mit Guglielmo Raimondo da Moncada wahrscheinlich erscheinen lassen. Selbstverständlich lege ich kein allzu großes Gewicht auf das „argumentum e silentio“ des Nichtvorhandenseins irgendeiner Spur eines anderen Sohnes des Nissim Abu T-Faradsch13), obwohl dieser Mangel besonders auffällig erscheint, wenn man sich die vielen verschiedenen Nachrichten über die Familie vor Augen hält, die der Münchener Kodex uns liefert. Immerhin kann auch dieser Punkt, der an sich wenig Wert hat, im Verein mit anderen bedeutenderen ebenfalls mit ins Gewicht fallen. Wesentlicher ist allerdings die von Samuel auf Fol. 251 des gleichen Münchener Kodex aufgetriebene Nachricht von der Einnahme Barcelonas, die er erfuhr, als er sich am 13. Kislev des Jahres 233, d. i. gegen Ende des Jahres 1473, m Neapel aufhielt. Aus den von Starrabba veröffentlichten Dokumenten geht aber hervor, daß gerade im Jahre 1473 Moncada in Neapel als Student der dortigen Universität weilte14). Ferner ist die Nachricht von der Einnahme Barcelonas nicht nur hebräisch geschrieben, sondern noch in lateinischer Sprache und Schrift wiederholt. Ein Jude des 15. Jahrhunderts würde kein Bedürfnis nach dieser Wiederholung empfunden haben. Daß hingegen der kürzlich bekehrte Jüngling diese Nachricht nicht nur lateinisch, sondern auch hebräisch unter Hinzufügung seines jüdischen Namens und des jüdischen Datums aufschrieb und in dem gleichen Kodex noch andere Dinge mit seinem jüdischen Namen zeichnete, läßt sich sehr wohl daraus erklären, daß einmal seine Bekehrung, wie aus folgendem hervorgeht, sehr lau gewesen sein muß, und andererseits die Neigung, sich vielfacher Namen zu bedienen, ein für sein ganzes Leben bemerkenswerter Charakterzug war. Aus diesen Gründen halte ich es für wahrscheinlich, daß der Mann, der sich später Mithridates nannte, mit Samuel ben Nissim Abu T-Fan) Kat. München, pag. dt.; vgl. auch Polem. u. apol. Liter.. S. 315, und Hebr. Bibi., S. 124. 12) Kat. Casan., p. 632, Anm. 1. 13) Faradschi b. Nissim, an den Steinschneider denkt (siehe jetzt bei Davidson, Thesaurus, I, S. 111, No. 2343; IV, S. 461), ist aus verschiedenen Gründen auszuschließen, vor allem weil man auf keinen Fall daran denken kann, den Moncada mit einem Autor der svnagogalen pijjutim zu identifizieren. 14) Dok. I—II, pp. 47/48. 232