Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Juden auf Marstrand
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Freudenthal. Juden auf Marstrand und alle Widerstände im Lande gegen sich und seine Politik tatkräftig zu beseitigen wußte, trat ein« Wandlung ein. Die Gewährung von Religionsfreiheit, die Zulassung von Andersgläubigen im Lande gehörte wesentlich mit zu den Maßnahmen, mit denen er den Handel und die Wohlfahrt seines Landes zu heben gedachte. Er stand hierin ganz unter dem Einfluß seines Staatssekretärs für Handels- und Finanzwesen Johan Liljencrantz, dem schon früh Reisen im Ausland die Augen geöffnet hatten und der längst in Wort und Schrift für die Freigabe Schwedens im Sinne der religiösen Toleranz in dessen eigenstem Interesse eingetreten war. Zu den bezeichnendsten Ideen des Ministers in dieser Hinsicht gehörte die Schaffung eines Handelsfreihafens an der schwedischen Westküste nach dem Vorbild der schon lange bestehenden italienischen Freihäfen. Als einen solchen „Porto Franco“ bestimmte der König in einem von Liljencrantz gegengezeichneten Erlaß vom 15. August 1775 die nördlich von Göteborg gelegene, dem Festland unweit vorgelagerte und von der mächtigen Festung Cansten gezierte Insel Marstrand. Sie besitzt einen von Natur und durch die Festung ganz besonders geschützten Hafen und ist heute einer der bekanntesten Badeorte Schwedens2). Von England, Holland, Deutschland, Dänemark her leicht über See zu erreichen, sollte Marstrand, dessen Bewohner schon früher einmal dieses Projekt vorgeschlagen hatten, nunmehr nach den Bestimmungen des Königlichen Erlasses eine Freistätte für den gesamten Handel vom Ausland her, aber in noch weitergehendem Maße eine Freistätte für die Menschen werden. Wer sich dort aufhielt, Inländer oder Ausländer, sollte von allen persönlichen Auflagen verschont bleiben und volle ErwerbsmögUchkeit ohne jeden Zunft- und Innungszwang besitzen. Erwarb er ein Grundstück von mindestens eintausend Talern Wert oder erbaute er ein Haus auf der Insel, so erlangte er nach zweijährigem Aufenthalt ohne weiteres das schwedische Bürgerrecht. Völlige Religionsfreiheit, aber auch völliger Schutz war gesichert. Jeder Flüchtling woher auch immer sollte hier für sich, für die Seinen und für sein Eigentum ein sicheres Asyl finden, soweit er sich nicht eines Verbrechens gegen Ehre und Leben oder gegen den Staat schuldig gemacht hatte. Ausdrücklich war allen denen, die Schulden halber flüchtig gegangen waren, um der üblichen Schuldhaft zu entgehen, unangefochten der Aufenthalt gestattet. Es blieb abzuwarten, ob durch solch ungewöhnliche Freiheiten die Insel nun wirklich die erhoffte Goldgrube für das schwedische Land bilden würde, ob der Handel mit dem Ausland aufblühen, die ergiebige Heringsfischerei umfangreichen Absatz gewinnen, die Ostindische Kompagnie ihren Hauptstapel- und Umschlagsplatz dort errichten werde. Aber das war begreiflich, daß Marstrand sehr rasch ein Anziehungspunkt für Menschen aller Art wurde, daß zahlreich ehrbares und unehrbares Volk daselbst zusammenströmte. um Glück oder Erwerb oder zum mindesten Ruhe und Sicherheit dort zu finden, und daß ganz besonders den überall sonst in ihrem Erwerb niedergehaltenen, in ihren Rechten verkümmerten, in ihrer religiösen Freiheit eingeengten Juden dieses Eiland wie ein Paradies erscheinen mußte. Zu den Abenteurern, die Marstrand heimsuchten, stellten die Juden freilich den allergeringsten Anteil, einen größeren zur Zahl derer, die der Schuldhaft zu Hause entrinnen wollten. Aber sie alle kamen in der Ansicht, endlich einmal irgendwo als freie Menschen, ja sogar als Bürger eines Landes unangefochten leben zu dürfen. Sie brachten entweder schon genügend Mittel mit, um sich ansiedeln zu können, oder hofften durch ihre Handelstätigkeit, besonders als Kommissionäre für die Ostindische Kompagnie soviel zu verdienen, daß sie nach einigen Jahren in 2) Ausführliche Beschreibung von Marstrands Lage, Geschichte, Handel und besonders auch der Auswirkungen der Freihafenzeit bei Axel Emanuel Holmberg, Bohusläns Historia och Beskrifning, Bd. III, örebro 1867. Eine populäre Geschichte von Marstrand schrieb gleichfalls Eskil 01 ä n , Marstrands Historia Krigsminnen och Badortsliv, 5. Auf!., Göteborg 1923. Valentins Ausführungen über Marstrand a. a. O., S. 208 ff. 217