Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 5)
- Language
- German
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Selma Stem-Täubler. Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen Wie aus den Berichten der ostpreußischen Regierung, der Kriegs¬ und Domänenkammer und des Königsberger Magistrats hervorgeht, waren diese für den Handel unentbehrlichen Kaufleute aus dem Osten zum größten Teil Juden. Sie kamen aus Minsk, aus Pinsk, aus Schmilowitz, Tykoczyn, aus der Gegend der Düna, aus Wilna, Kowno, Keydan, aus Riga und anderen Orten, hielten sich einige Wochen in Königsberg auf, brachtenn eine Menge Geld in die Stadt und kauften auch von den einheimischen Bürgern Laken, Rasche und andere Erzeugnisse der neugegründeten Königsberger Fabriken. „Der größte Handel dort (in Polen) ist in den Händen der Juden“, schrieb damals das ostpreußische Kommissariat, „und was von ihnen hierherkommt, ergibt den Handel mit Holland, England, Frankreich und andern Orten, und was diese bringen, nehmen jene zurück und erleichtern auch unsem inländischen Zeugfabriken den Debit.“ Wie wichtig man diesen Handel mit den polnischen und russischen Juden nahm, beweisen die vielen scharfen Beschwerden der ostpreußischen Regierung, der Berliner Regierung, der ostpreußischen Kriegs- und Domänenkammer, selbst des Königsberger Magistrats und der Kaufmannszünfte über die wiederholte Absicht des Königs, durch seine Schutzzollpolitik auch den Handel nach dem Osten einzudämmen. Das ostpreußische Kommissariat, das immer wieder die Lebensnotwendigkeit und Wichtigkeit dieses Handels betonte und seine Einschränkung für den Ruin der ganzen Provinz erklärte, bat energisch, die Geleistskosten herabzusetzen, damit eine größere Anzahl jüdischer Kaufleute nach Ostpreußen kämen, ln Danzig und Breslau sei der jüdische Handel so groß, weil die Juden dort viel weniger Geleitsgeld als in Königsberg bezahlen müßten. Selbst die den Juden stets feindlich gesinnten Königsberger Kaufleute und Malzbräuer erklärten, daß durch die Ostjuden, die große Geldsummen zum Einkauf mitbrächten, der Engroshandel sowie die Zoli- und Akziseeinnahmen sehr gefördert würden. Sollten diese Juden mit ihren Waren nicht mehr in das Königreich hinein dürfen, so würde den hiesigen Kaufleuten unermeßlicher Schaden entstehen, weil die Juden ihre Schulden jährlich mit ihren Waren zahlten. Diesem Osthandel zuliebe (müsse doch, wie es hieß, der Pole und Litauer karessiert werden) wurden damals mehrere Judenfamilien in Ostpreußen angesiedelt. Bis jetzt waren nur sehr wenige Juden in der Provinz geduldet worden. Die Feindschaft der Stände hatte sie stets wieder vertrieben. Jetzt aber gaben sogar die Königsberger Kaufleute unter der Hand zu erkennen, daß „die Beibehaltung der Juden in diesem Königreich auf gewisse wohl regulierte Masse dem König sowohl als dem gemeinen Wesen ratione der Kaufhandlung sehr dienlich sein würde“. Die preußische Kriegs- und Domänenkammer wünschte die Ansiedlung von vermögenden Juden, da nicht genug Packkammem vorhanden seien, die die Russen und Polen nötig hatten. Ein gewisser Moses Lewin, ein besonderer Schützling des ostpreußischen Kommissariats, erhielt die Erlaubnis, „für einen Lieger betrachtet zu werden“ und seine seewärts einkommenden Waren in seiner Behausung auf der Freiheit durch die Städte kommen zu lassen und zum Verkauf frei zu halten. Ebenso bestimmte ein Dekret vom 1. April 1729, daß es den jüdischen Großhändlern gleich den Liegern freistehen sollte, ihre Waren außer Landes kommen zu lassen und sie entweder an Christen oder an Judenkrämer en gros zu verkaufen. Welchen Umfang der Handel der Königsberger Juden angenommen haben muß, geht aus einer Vorstellung der Königsberger Kaufmanns - Zünfte vom Jahre 1727 hervor. 211