Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259302-2262027--276-2262054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Selma Stern-Täubler. Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen düng von Fabriken, durch die Verbesserung der Technik, durch die Ansiedlung von Arbeitern, durch den Schutz der heimischen Produldion vor fremder Konkurrenz, d. h. durch das Ausfuhrverbot inländischer Rohstoffe und das Einfuhrverbot ausländischer gewerblicher Erzeugnisse. Diese Gedanken des Jahrhunderts haben die Regierung Friedrich Wilhelms I. beherrscht. Wiewohl er ganz Realpolitiker und Praktiker war, hat sein Sinn für Systematisierung und Organisierung ihn dazu geführt, die Ideen seiner Zeit mit eiserner Konsequenz in die Wirklichkeit umzusetzen. Doch war der Merkantilismus Friedrich Wilhelms anderer Art als der französische, der englische und der holländische Merkantilismus der Epoche. Der Merkantilismus Frankreichs zur Zeit Colberts hatte sich die Unterstützung der Industrie und die Ausfuhr der von dieser Industrie geschaffenen Fabrikate zum Ziele gesetzt. Das Frankreich Sullys erblickte in der Förderung der Landwirtschaft und der Ausfuhr der landwirtschaftlichen Produkte, hauptsächlich des Getreides, die Aufgabe der Volkswirtschaft der Zeit. In England hatten Elisabeth, Cromwell und Karl I. den auswärtigen Handel, Wilhelm III. den Getreideexport gefördert, Holland sah die Quelle alles Reichtums und das Wesen staatlicher Wirtschaftspolitik im Zwischenhandel, der auch dem Großen Kurfürsten als Sinn seiner Wirtschaftspolitik erschienen war. Friedrich Wilhelm I. brach bewußt mit dieser Tradition. Die hochfliegenden Träume von einer Beherrschung des Mare Balticum, von Seehandel, Schiffahrt und überseeischen Kolonien wurden von dem realeren, nüchterneren Enkel nicht mehr geträumt. Seine Blicke gingen nicht in die Weite. Sie waren auf das Innere seines Landes gerichtet, sic sahen nur das Faßbare, das für den Augenblick Nützliche und Notwendige. Um den Ausbau der Häfen und Kanäle, um die Förderung des Transitverkehrs, um die Schaffung eines freien, von Zöllen und Abgaben unbeschwerten Handelsraums kümmerte er sich kaum, für den Export über See hatte er kein Verständnis. Die Wünsche der pommerschen und neumärkischen Kammer, den Transitverkehr auf der Warthe und Oder zu heben, die Bitten des neuerworbenen Stettin, nach dem Beispiel Hamburgs und Danzigs freien Handel treiben zu dürfen, fanden kein Gehör, die Vorschläge des Kriegsrats Uhl, Oder und Warthe durch einen Kanal zu verbinden, die Pläne des Kammerdirektors Hille, den schlesischen Handel statt nach Hamburg nach Frankfurt a. d. O. zu leiten, durch Freizügigkeit und Gewerbefreiheit den Warthe- und Oderhandel wieder herzustellen, wurden ungnädig verworfen. Wohl war sich der König der günstigen Lage Brandenburg-Preußens bewußt, das auf der einen Seite zwischen Holland, Frankreich, England und dem Norden Europas, auf der andern zwischen Rußland, Polen, Böhmen, Schlesien und Ungarn gelegen, geradezu prädestiniert war, die Waren aus Polen, Schlesien, Böhmen und der Lausitz nach Holland, Hamburg, England und Nordeuropa zu vertreiben. Wenn er trotzdem, wie Friedrich der Große später in seinen brandenburgisch-preußischen Memoiren schrieb, Grundsätze verfolgte, die der Entwicklung des Handels geradezu hinderlich waren, so lag der Grund in seinem Mißtrauen gegen die Kaufleute seines Landes, bei denen er Wagemut, Unternehmerlust, Kühnheit, Intelligenz, Kapital, Weitblick und Großzügigkeit vermißte, und in seiner Ueberzeugung, daß die Kaufleute im allgemeinen mehr oder weniger Spitzbuben seien, die zu hohen Profit nähmen und immer nur Vorteile für sich herausschlagen wollten, ohne an das gemeine Beste zu denken. In der Hauptsache aber war seine Abneigung gegen den Handel von seiner Vorstellung beeinflußt, daß die Größe, der Reichtum, das Ansehen eines Staates nicht durch die Blüte des Handels, sondern durch die Blüte der Landwirtschaft und die Pflege der Industrie bestimmt würden. Für ihn waren nicht, wie für den Großen Kurfürsten, die Kaufleute und die Händler, sondern die Bauern und. die Fabrikanten die eigentlich produktiven Kräfte des Staates. .Nicht der Zwischenhandel, sondern die Ausfuhr der landwirtschaftlichen Produkte und der industriellen Erzeugnisse, nicht die Commerden, sondern die Manufakturen waren die leitenden Gesichtspunkte seiner Wirtschaftspolitik. Aus diesem Grunde wurde die Bewirtschaftung der Domänen auf das eifrigste betrieben* wurden brachliegende. Länder bebaut, wüste Strecken urbar gemacht, Dörfer gegründet, fremde Kolonisten angesiedelt und neue Methoden des Ackerbaus eingeführt. Daher wurde das berühmte preußisch-agrarische Schutzzollsystem geschaffen, das zum Schutz des inländischen Getreides die Einfuhr des polnischen, 208