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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 179

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
Date
1935-01-01
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms handlung sein soll, wie nach altera deutschem Recht das Zerbrechen eines Stabes die Rechtskraft des gesprochenen Urteils bezeichnete, ist schwer zu entscheiden. Nach der Trauung wird das Brautpaar, das am Hochzeitstage, als einem Tage der Läuterung und Sühnung nach jüdischer Lehre, wie am Versöhnungstage fasten muß, in ein besonderes Gemach geführt, wo ihm als erstes gemeinschaftliches Mahl ein Ei und eine Henne dargereicht wird, jenes als Symbol für die Wandelbarkeit menschlichen Geschickes, dieses als Sinnbild irdischen Segens. Den Höhepunkt des eigentlichen Hochzeitsschmauses bildet der gelehrte Vortrag des Bräutigams, die sog. Derascha, die uns zeigt, wie außerordentlich verbreitet Bildung und Wissen im alten jüdischen Worms gewesen ist. Denn die Sitte, daß der Bräutigam eine Derascha halte, wird von Juspa als eine ausnahmslos geübte hingestellt. Vor dem Vortrag wird eine Sammlung unter den Gästen veranstaltet, deren Ergebnis dem Bräutigam für Arme zur Verfügung gestellt wird. Nach Beendigung seiner Ausführungen erhält der Bräutigam Deraschageschenke, sog. „Deraschafingerlin“. „Fingerlin“ bedeutet im Mittelhochdeutschen: Fingerring. Nachdem man noch wegen des „Gutweins“, den der Bräutigam den Gästen zu spendieren hatte, mit ihm einig geworden und das Tischgebet in feierlicher Weise verrichtet worden war, beginnt der gemütliche Teil der Feier. Das Brautpaar legt die Trauergewänder ab und gibt sich dem Tanze und Spiele hin, wobei ihm zu Ehren Brautlieder gesungen werden. Die Art dieser Lieder zeigt eine im Besitz der Oxforder Bibliothek befindliche Sammlung jüdisch-deutscher Volks- und Gesellschaftslieder, die der Wormser Eisig Wallich gegen Ende des 16. Jahrhunderts teils verfaßt, teils gesammelt hat. Die Sammlung läßt auch erkennen, daß die Juden in Worms für die Lieder des mittelhochdeutschen Minne- und Meistersangs Teilnahme bekundet und sie nachgebildet haben. Sind Braut und Bräutigam von allen Aufregungen und Freuden des Tages ermüdet, dann können sie sich von der Hochzeitsgesellschaft nur befreien, wenn sie ihr zuvor „Zucker“ (Bonbons) spendieren. Die Braut, dann erst der Bräutigam, werden in festlichem Zuge unter den Klängen der Musik und den Tönen des Jigdalgebetes heimgeleitet. Am Donnerstagabend findet ein Ehrenmal für die Verwandten, am Freitagabend eines für alle Gemeindeangehörigen statt. Am Sabbat, an dem das junge Paar wieder Gegenstand besonderer Ehrungen und Auszeichnungen ist, erhält es von Freunden und Bekannten Wein oder Branntwein ins Haus geschickt; deshalb heißt dieser Sabbat in Worms „Schenkweinsabbat“. Am darauffolgenden Abend hat der junge Ehemann noch auf seine Kosten den Hochzeitsgästen ein „Fischmahl“ herrichten zu lassen, womit das offizielle mehrtägige Festprogramm seinen Abschluß gefunden hat. Fand die Hochzeit aber, wohl der Vereinfachung und Verbilligung halber, an einem Freitag statt, dann spielten sich am Sabbat, den man (mit dem mittelhochdeutschen brutlouf) „Breileft-Sabbat“ nannte, besondere Zeremonien und Feierlichkeiten ab. Die Trauung erfolgte alsdann kurz vor Sabbateingang im kleineren Kreise. Das „R. Manes-Mahl“ wurde am Dienstagabend gehalten, die Siwlonotmahle für Braut und Bräutigam am Mittwoch- bzw. Donnerstagabend. Ein Maanführen fiel am Freitag fort. Um so feierlicher ging es am Sabbat her. Der Gottesdienst war ganz auf das Brautpaar und das Hochzeitsfest eingestellt. Den Höhepunkt bildete der Aufruf des Bräutigams zur Tora. Sieben Brautführer, Schoschwinim genannt, die nicht miteinander verwandt sein dürfen, werden dem Bräutigam als Ehrengeleit beigegeben. Während des Gottesdienstes befinden sie sich in seiner Nähe und beim Aufruf zur Tora, mit dem auch sie beehrt werden, geleiten sie alle ihn zur Empore und bleiben daselbst so lange, bis er den zweiten Segensspruch gesprochen hat. Darauf führen sie ihn wieder auf seinen Ehrenplatz zurück. Nach Beendigung des Gottesdienstes wird der Bräutigam, dem dasTallit unter dem Sarwel umgelegt wurde, von den sieben Brautführern ins Haus der Braut geleitet, die, von ihren Freundinnen umgeben, ihn hier erwartet. Der Bräutigam legt seinen Sabbatmantel ab, ergreift dasTallit und wirft es der Braut zu, um es gegen ein Lösegeld, das er zum Besten der Armen verspricht, wieder aus ihrer Hand zurückzuempfangen. Oft setzt man ein armes Mädchen neben die Braut, um es das Anrecht auf das Lösegeld direkt erwerben zu lassen und die Zusage des Bräutigams unwiderruflich zu machen. Hauptfestmahl und Derascha finden am Sabbatnachmittag nach dem Minchagottesdienst statt. Der Abendgottesdienst wird im Hause des 7* 179

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