Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms Bräutigamstür, aufgeschlossen hat, durch die Straßen ziehend: „Zu der Maien, zu der Maien I“, d. h. zur Hochzeitsfeier. Die Vornehmsten der Gemeinde mit dem Rabbiner an der Spitze, ihnen voran Fackelträger und Musikanten, führen den Bräutigam, der mit prächtigem Seidengewande, zugleich aber auch mit dem Sterbekleid und der Trauerkapuze bekleidet ist, in festlichem Zuge ins Tanzhaus, wo ihm der Ehrenplatz auf einer Estrade angewiesen wird. Mit Fackelzug und Musik holt man nunmehr auch die Braut ab, die festliches Seidengewand, Schleier und Pelzwerk trägt, darüber das weiße Sterbekleid zum Zeichen der Trauer um Zion und zur Mahnung an den Ernst des Lebens, und geleitet sie bis an die Tür des Tanzhauses. Hier geht der Bräutigam, von dem Rabbiner begleitet, der Braut entgegen, faßt sie bei der Hand und führt sie zu dem Ehrenplatz an seiner Seite, während die Frauen beide mit Weizenkörnem bestreuen, indem sie hierbei die Segensworte der Schrift sprechen: „Seid fruchtbar und mehret Euch!“ Zugleich mit den Weizenkömern werden Geldmünzen ausgestreut, damit die anwesenden Armen sie auflesen können. Die Männer gehen alsdann ins Gotteshaus, das der Bräutigam durch eine für solche Zwecke bereit gehaltene kleine Seitentür betritt, dabei aber von den ausgelassenen Knaben hineingestoßen wird. Auch im Gotteshaus wird ihm ein Ehrenplatz eingeräumt, vor dem auf einem Ständer zwölf geflochtene Kerzen entzündet sind. Von der Teilnahme am Gebet ist er heute befreit, ja er braucht sich nicht einmal während des Gottesdienstes zu erheben. Nach Schluß des Gottesdienstes kehren die jungen Leute ins Tanzhaus zurück, um gegen Mittag — die jungen Männer beim Bräutigam, die jungen Mädchen bei der Braut — zum Mittagmahl eingeladen zu werden. Im Laufe des Nachmittags findet die sog. „Lieferung“, d. h. die Auszahlung der Mitgift seitens der beiden Väter statt, und zwar im Hause des Rabbiners, damit dieser, wie Juspa ausdrücklich bemerkt, etwaige Streitigkeiten sofort nach Recht und Gesetz schlichten kann. Das versiegelte Geld verbleibt zunächst in der Hand des Rabbiners. Dann zieht der Synagogendiener wieder durch die Straßen mit dem Rufe: „Die Kalla flechte gen!“, worauf sich die vornehmsten Frauen, mit der Frau des Rabbiners an der Spitze, zur Braut begeben, um ihr die Haare zu „flechten“. Während die Frauen, Brautlieder singend, dies besorgen, hält die Braut auf dem Schoß eine große Schüssel, auf die Verwandte und Freunde Geschenke legen, silberne Ringe, Löffel, Schleier u.ä., auch Geldstücke. Diese Geschenke nannte man den „Einwurf“ und führte über sie ein genaues Verzeichnis. Der Synagogendiener holt „die zwei Dalberger“, Diener des Herrn von Dalberg, unter deren Schutz der hochfeierliche Trauungsakt stattzufinden pflegt. Der Schammes zieht wieder durch die Straßen und ruft: „Zu derBracha!“, d. h. zur Einsegnung, zur Trauungsfeier. Die männlichen Festteilnehmer, vom Rabbiner geführt, versammeln sich vor dem Hause des Bräutigams und geleiten ihn, indem der eine Dalberger mit der Musik voranzieht, in genau demselben Aufzug wie am Morgen zum Maien, ins Tanzhaus, während gleichzeitig die Festteilnehmerinnen die Braut abholen und bis zur Türe des Tanzhauses führen. Hier kommt der Rabbiner ihr entgegen, faßt sie am Aermel und geleitet sie zur Rechten des Bräutigams. Braut und Bräutigam tragen auch jetzt über prunkvollen Gewändern das Totengewand und die Trauerkapuze bzw. das Kürsen, gleich Trauernden. Der Rabbiner tritt vor das Brautpaar, das mit seinem Gesicht nach Süden gewendet steht, während er selbst nach Osten gen Jerusalem blickt, und vollzieht, nachdem der Zipfel der Mitra, der Trauerkapuze des Bräutigams, aufs Haupt der Braut gelegt worden war, unter feierlicher Stille der Festversammlung das Trauungszeremonial. Sind die Trauungsformeln und die sieben Segenssprüche vom Rabbiner und anderen hierzu Beauftragten gesprochen, und hat das Brautpaar auch von dem zweiten Glase Wein zu trinken bekommen, das der Braut nur von einer ihrer Unterführerinnen, ihrer Mutter oder ältesten Verwandten, gereicht werden darf, dann ergreift der Bräutigam das erste der beiden bei der Trauung gebrauchten Gläser und wirft es auf einen Stein mit Löwenrelief an der hinter ihm befindlichen nördlichen Wand, daß es zerschellt. Da brechen die Hochzeitsgäste in Jubel aus und rufen immer wieder laut aus: „Masaltow!“ Ob auch dieses Zerbrechen des Glases, ähnlich wie das Trauergewand des Brautpaares, das Uebermaß der Freude dämpfen, an Tod und Emst gemahnen soll, wie es im Talmud einmal heißt, oder die Trauer um Zion und Jerusalem versinnbildlichen oder endlich ein Symbol der Rechtskraft der vollzogenen Trauungs- 178