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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 177

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
Date
1935-01-01
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms den. Nach Schluß des Gottesdienstes schart der Bräutigam wieder seine Freunde^ die Braut ihre Freundinnen, um sich, um sie mit Lebkuchen und Branntwein zu bewirten. Gleich nach dem Mittagessen zieht der Gehilfe des Synägogendieners durch die Straßen des Ghetto wieder mit dem Rufe: „Zu der Spinnholz!“ Auf diesen Ruf eilen die Frauen, ihnen voran die Frau des Rabbiners, herbei, um sich in geschlossenem Zuge ins Haus der Braut zu begeben. Hier angekommen, setzen sie die Braut auf einen Stuhl, ziehen ihr das „Röckle“ an, wobei sie Kalla- und Chatanlieder singen. Dann ziehen sie ihr das Röckle aus, um ihr statt dessen den Sabbatmantel anzulegen und sie dann ins Tanzhaus zu geleiten. Spaßmacher und Musikanten gehen singend und spielend dem Zuge voran. In ähnlicher Weise wird auch der Bräutigam abgeholt und ins Tanzhaus geleitet, wo man sich bei Spiel und Tanz unterhält, während den älteren Teilnehmern Wein gereicht wird, bis die Stunde des Nachmittaggebetes gekommen ist. Das Brautpaar wird in feierlichem Zuge wieder nach Hause gebracht. Der Bräuti- £am betritt das Gotteshaus in Seidenmantel und Mitra, auch „Gugel“ genannt. liese Mitra ist als Kapuze zu denken. Denn sobald der Bräutigam zur Tora aufgerufen wird, soll er, wie das Minhagbuch vorschreibt, die Mitra übers Haupt ziehen, wie ein Trauernder, bis er auf seinen Platz zurückkehrt. Warum letzteres geschah? Sicherlich, um ihn mitten im Freudenrausch an den Ernst des Lebens zu erinnern und vom Ueberschwang des Jubels fernzuhalten. Nach dem Minchagebet ruft der Synagogendiener wieder in den Straßen: „Zu der Spinnholz!“, aber diesmal folgen der Einladung vornehmlich die jungen Leute, die vom Bräutigam bzw. der Braut bewirtet werden. In der Hochzeitswoche vom Sonntag ab behalten die Brautleute ihr festliches Gewand an, von den Verwandten des Brautpaares tragen die Frauen den Sabbatschleier. Die Hochzeit selbst findet in Worms am Mittwoch statt, in selteneren Fällen auch am Freitag. Am Montagabend findet das sog. R. Manes-Mahl(?) statt, für den engeren Kreis der Verwandten und Ehrengäste. Am Dienstag, dem Tage vor der Hochzeit, gibt der Bräutigam seinen Freunden, die Braut ihren Freundinnen ein Mittagmahl, das. aus milchigen Speisen besteht, darum das „Milchmahl“ genannt. Es darf nur eine Stunde dauern. Die gesamte Jugend begibt sich im festlichen Zuge ins Tanzhaus, wie am Sabbat zuvor, mit Spaßmachern und Musik an der Spitze, um dort einige heitere Stünden zu verbringen. Gegen Abend vor dem Minchagebet kehren sie heim. Nun erfolgt die Ueberreichung der Siwlonot, der Geschenke des Bräutigams an die Braut; ein goldbesetzter Gürtel, Schleier, Kürsen, d. i. Pelzwerk und ein Kranz werden in das Haus des Rabbiners gebracht, wo sich die Väter des Brautpaares mit ihren Verwandten einfinden. Unter Führung des Rabbiners und indem die Geschenke offen zur Schau getragen werden, begeben sie sich ins Haus der Braut, die heute den Ehrensitz am Tisch einnimmt und von jungen Mädchen umgeben ist. Der Rabbiner tritt vor die Braut hin und überreicht ihr die Geschenke mit den typischen Worten: „Höre mich an, liebe Braut, Dein Bräutigam sendet Dir durch mich diese Geschenke, die Du aber erst nach vollzogener Trauung als Dein Eigentum betrachten mögest.“ Die anwesenden Mädchen bekleiden die Braut mit den soeben überreichten Gegenständen; die Männer entfernen sich. Nach dem Abendgottesdienst versammeln sich Männer und Frauen, darunter auch die Braut, vor dem Hause des Bräutigams, der, mit Sabbatgewändern und Mitra bekleidet, zum Festsaal bei klingendem Spiel geleitet wird, wo das Siwlonotmahl abgehalten werden soll. Der männliche und weibliche Teil der Gesellschaft sitzt getrennt, doch so, daß Braut und Bräutigam sich ins Gesicht sehen können. Bei diesem Mahl überreicht der Rabbiner dem Bräutigam die Siwlonot, die Geschenke der Braut, nämlich: Ring, Schuhe und einen silberbesetzten Gürtel mit einer Ansprache, wie früher an die Braut. Bis zur Entgegennahme der Geschenke darf der Bräutigam, der hierbei mit der Mitra bekleidet sein muß, weder essen noch trinken. Nach beendeter Mahlzeit zieht man unter dem Gesang des Jigdalgebetes mit brennenden Fackeln ins Tanzhaus, wo sich inzwischen Braut und Gefolge eingefunden haben, um einige weitere Stunden bei Tanz und Spiel zu verbringen. Bemerkenswert ist, daß hier die strenge Trennung der Geschlechter aufgehoben ist Am frühen Morgen des Mittwoch, des Hochzeitstages, ruft der Synagogendiener, nachdem er die Tür des Tanzhauses und die kleine Tür in der Synagoge, die sog. < 177

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