Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms hänge. Darauf besuchen sie auch das Haus der Braut, um auch ihr Glückwünsche auszusprechen. Die Mutter der Braut geht nunmehr in Begleitung ihrer Freundinnen ins Haus des Bräutigams, um diesen zu beglückwünschen und zu ehren. Allen Gratulanten wird von den Eltern des Brautpaares „Lekach“, Lebkuchen, aufgewartet. Auf Kosten des Bräutigams wird ein Mahl veranstaltet, „Knassmahl“ genannt. Am Sabbat nach dem Knassmahl hat der Bräutigam die Bachurim, d. i. die Studenten der hohen Talmudschule, mit Branntwein frei zu halten. Auch befreundeten Familien schickt er ihn ins Haus, stets dem Rabbiner, dem Kantor und dem Synagogendiener. Auch während seiner Bräutigamszeit, nämlich am Lag beomer, dem 18. Ijar, und Chamischah Asar, dem 15. Schewat und Adar hat er den Bachurim Geschenke zu überreichen. Die Verlobungszeit dauerte ein Jahr. Der Brautstand erfreute sich hoher Ehren und mancher Aufmerksamkeit sowohl im synagogalen als auch im gesellschaftlichen Leben. Im Gottesdienst wurden einige Einschaltungen in der Liturgie vorgenommen, um die Teilnahme der Gesamtheit an der Freude des Brautpaares zu bekunden. In gesellschaftlicher Hinsicht erfreute es sich rücksichtsvollster Behandlung, namentlich war die Braut Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Eine Hochzeit war in alter Zeit in Worms ein großes Ereignis, das nicht nur die Familie des Brautpaares anging, sondern die ganze Gemeinde aufs Lebhafteste beschäftigte. Sieben Tage vor der Hochzeit versammelt die Braut alle ihre Freundinnen um sich und gibt ihnen ein Mahl, das Suppenmahl. Sie legt zu dieser Vorfeier ihre Sabbatkleider an und setzt die „Güldehaub“ auf, die sie bis zu ihrem Hochzeitstage nicht wieder ablegt, obgleich sie von diesem Tage ab bis zum „Sabbat- Spinnholz“ das Elternhaus nicht verlassen darf. Denn das verbietet der allgemein herrschende, auch im Judentum verbreitete Spuk- und Geisterglaube. „Sabbat-Spinnholz“ ist der Samstag unmittelbar vor dem Hochzeitstage. Der Name Spinnholz wird wohl aus der ursprünglichen, geschichtlich freilich nicht mehr nachweisbaren Sitte entstanden sein, wonach man an diesem Tage der Braut einen Spinnrocken schenkte. Ist doch der Spinnrocken im Mittelalter ein notwendiger Teil des Brautwagens jeder deutschen Braut gewesen. Auch war das Spinnen eine sehr beliebte und geschätzte Tätigkeit der jüdischen Frau. Das beweist ein damals üblicher Segensspruch, mit dem der Vater eine neu geborene Tochter segnete: „Es sei Dein Wille, ewiger Gott, daß ich meine Tochter erziehe zum Nähen, zum Spinnen, zum Stricken und zu frommen Taten.“ Daß das Spinnen zu den Hochzeitszeremonien bei den Juden der ältesten Zeit gehört hat, berichtet uns noch der Talmud, wo es einmal heißt: „wenn die Frauen spinnen beim Kerzenlicht“, so ist das ein Beweis, daß in diesem Hause eine Hochzeit gefeiert wird. Am Vorabend des Sabbat-Spinnholz erscheint der Bräutigam in festlichem Gewände, wozu der Seidenmantel, Sarwel genannt (aus dem lateinischen sarabellum) gehörte, im Gotteshaus, wo der Kantor zu seinen Ehren einige hierfür vorgeschriebene Musikstücke nach der „Spinnholz-Melodie“ singt. Nach der Abendmahlzeit zieht der Synagogendiener durch die Straßen der Judengasse und ruft: „Zu der Spinnholz!“, worauf Männer und Frauen sich auf den Weg machen zum Besuche des Brautpaares. Zuerst macht man dem Bräutigam die Aufwartung. Dieser sitzt in der hellerleuchteten, mit allerhand Zierat geschmückten „Guten Stube“ auf einem Ehrenplatz. Die Männer setzen sich an den mit Früchten, Süßigkeiten und Getränken bedeckten Tisch, die Frauen stehen hinter ihnen. Und nachdem alle eine Weile hier verbracht und Erfrischungen zu sich genommen haben, gehen sie fort, um in gleicher Weise auch die Braut und deren Eltern durch einen besuch zu erfreuen. Beim Weggehen wird jedem Gast von der Mutter des Bräutigams bzw. der Braut, die zu diesem Zweck den Platz in der Nähe der Tür eingenommen hat, ein Stück Lebkuchen zum Mitnehmen überreicht. Zuletzt bleiben beim Bräutigam nur die jungen Leute zurück, bei der Braut die jungen Mädchen. Den Mädchen schrieb die Etikette vor, sich recht züchtig und wohlgesittet zu benehmen, jede Ausgelassenheit zu vermeiden und weder Wein noch irgendeine Speise zu berühren. Auch am Morgen des Sabbat-Spinnholz ist der Bräutigam im Gotteshaus der Held des Tages, dem zu Ehren manche besondere Gesangspartieen gesungen wer- 176