Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms Von Erwachsenen wurde nur der Rabbiner dieser Auszeichnung gewürdigt- Nach einem vom Judenbischof und dem Monatsparness aufgestellten Verzeichnis waren die Familienväter verpflichtet, den Bachurim Wein in bestimmten Maßen zu spenden. Aber auch aus freien Stücken wurden sie noch an den folgenden Tagen von den Gemeindemitgliedern zu festlichen Mahlzeiten eingeladen, zu denen sie mit bekränzten und durch Flitter verzierten Hüten erschienen. Wie maßvoll und gesittet erscheint die jüdische Jugend auch in ihrer Ausgelassenheit, in ihrem Uebermut noch im 17. Jahrhundert, in der Zeit während und nach dem 30jährigen Kriege, der doch die Sitte und gute Lebensart der Menschen in den weitesten Kreisen tief erschüttert und verdorben hat! Von sittlichen Ausschreitungen und selbst rohen Späßen der jüdischen Jugend weiß die Geschichte des alten Worms nichts zu erzählen. Verlobung und Hochzeit. Bei der großen Bedeutung, die Haus und Familie seit der ältesten Zeit im Judentum besaß, und bei dem engen Verhältnis, das zwischen Familienleben und Religion bestand, mußte schon frühzeitig die Eheschließung und alles, was mit dieser zusammenhängt, das stärkste Interesse des Einzelnen und der Gemeinschaft erregen. Und je mehr der Jude auf sich selbst und seinen Lebenskreis sich zurückziehen mußte, je enger die Schranken wurden, die die Außenwelt um ihn zog, um so mehr wurde ihm das Haus zu seiner Welt, die Familie zu einem Heiligtum, die er mit allen Zeichen und Beweisen der Liebe, der Pietät, der Heilighaltung umgab. Der Eheschließung ging schon in ältester, biblischer Zeit eine Verlobung voran; sie kam durch direkte Werbung oder durch Vermittlung von Freunden zustande. Die Ehe Vermittlung wird schon in ältester Zeit mit dem bekannten Wort „Schidduch“ bezeichnet, einem Wort, das ursprünglich „Ueberredung“ bedeutet. Nicht uninteressant mag es sein, daß in der griechischen Mythologie die Göttin Peitho, das ist „die Ueberredung“, ganz dieselbe Aufgabe hatte, nämlich Heiraten zu vermitteln, indem sie das Herz des Mädchens lenkt und ihren Wünschen gefügig macht Im Mittelalter überwog im Judentum die Ehevermittlung. Wie hoch sie geschätzt wurde, beweist die Tatsache, daß es der berühmte Wormser Rabbiner Jakob Mölln, genannt Maharil (gest. 1427), nicht für unter seiner Würde hielt, sich mit ihr zu beschäftigen und, wie berichtet wird, seinen und seiner Familie Lebensunterhalt aus den Honoraren bestritt, die er für HeiratsVermittlungen erhielt, während er alle Einnahmen aus dem Rabbineramte für die Unterhaltung seiner Schule und seiner Schüler verwendete. War die Verlobung zustande gekommen, so betrachtete man es im Judentum — im Gegensatz zur Sitte und Auffassung anderer Völker, wie etwa der alten Griechen, die die Verlobung als reine Geschäftssache ansahen — als unbedingtes Erfordernis, die Verlobung durch ein Festmahl zu einem festlichen Akt zu erhöhen. Die Verlobungsfeier, bei der zu Zeiten großer Aufwand getrieben wurde, beging man nach der Schilderung des Talmuds in der Weise, daß die Gemächer hell erleuchtet und Liegesofas aufgestellt wurden, auf denen die Gäste liegend, wie es ja auch bei Griechen und Römern üblich war, Speise und Getränke zu sich nahmen, während die Frauen, am Spinnrocken sitzend, freudig im Chor den Namen der glücklichen Braut singend verkündeten. In Worms fand die Verlobungsfeier, wie Juspa Schammes berichtet, in folgender Weise statt: Nachdem im Hause des Rabbiners der sog. „Knass“, das Reugeld für etwaige unberechtigte Aufhebung der Verlobung seitens einer der Parteien, erlegt und zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ein Topf zerbrochen worden war, begeben sich die daselbst versammelten Männer in das Haus des Bräutigams, um ihn zu beglückwünschen mit dem seit dem 15. Jahrhundert üblichen Glückwunsch: „Masaltow“ (unter gutem Stern), was an den Glauben erinnert, daß das Schicksal der Menschen von der Stellung der Gestirne ab- 175