Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms Zur Tora aufgerufen, soll er Wachs zur Anfertigung von Kerzen füris Gotteshaus spenden. Nun tritt der Vater zu ihm auf den Almemor hin, legt die Hände auf sein Haupt und. spricht den üblichen Segensspruch, in dem er Gott dankt, daß er seinen Sohn das Alter der religiösen Mündigkeit hat erreichen lassen. Am späten Nachmittag findet das festliche Barmizwamahl statt, das der Knabe durch einen gelehrten, oft mit einer Disputation verbundenen Vortrag verschönen muß. Unterricht. Nichts lag dem jüdischen Vater mehr am Herzen, war ihm Gegenstand größerer Sorge, als die Erziehung und Unterweisung seiner Kinder in den Lehren der Religion und den sittlichen Pflichten des Lebens. Wohl in keiner Religionsgemeinschaft war Lehren und Lernen so sehr ein Stück, beinahe das wichtigste Stück religiöser Lebensführung und Forderung, wie im Judentum. Auch erfreute sich in keiner Gemeinschaft das Forschen und Wissen so sehr hoher Achtung und Wertschätzung in allen Kreisen der Bevölkerung wie in der jüdischen. Weise und fromm sein, war hier identisch, so in der biblischen wie in der nachbiblischen Zeit. Daher das starke Interesse des Juden für Schule und Unterricht, daher sein lebhaftes Bemühen, seinem Kinde eine möglichst gute Ausbildung und Erziehung zuteil werden zu lassen. In Worms muß das Schulwesen schon früh mustergültig entwickelt gewesen sein. Bereits im 11. Jahrhundert finden wir hier Schüler, die aus weitester Ferne zu Studienzwecken hergekommen waren, so den später berühmt gewordenen Raschi, dessen Heimat Troyes in der Champagne war, und der in Worms erst Schüler, dann selbst Lehrer geworden war. Dem mittelalterlichen Bildungsideal der deutschen Juden entsprechend, beschränkte sich der Unterricht fast ausschließlich auf die religiösen Fächer, auf Bibel und Talmud. Von profanen Fächern ist, bei Juspa wenigstens, nie die Rede. Ebensowenig aber auch von .einem Schulunterricht der Mädchen. Und doch wird ein solcher, mindestens für die Elementarstufen, sicher vorhanden gewesen sein. Wissen wir doch, daß Frauen als Vorbeterinnen und Sängerinnen in der Wormser Frauensynagoge tätig gewesen sind. Dies hatte nämlich ihre bauliche Anlage erforderlich gemacht, die nicht, wie anderwärts, aus einer Empore, sondern aus einem im rechten Winkel an die Männersynagoge angeschlossenen Nebenbau bestand. Wie allenthalben in jüdischen Gemeinden pflegte auch in Worms der Knabe mit dem fünften Lebensjahr der Schule zugeführt und mit dem Leseunterricht beschäftigt zu werden. Schon in den ersten Schuljahren mußte der Knabe, sobald er etwas herangewachsen war, im Winterhalbjahr eine oder zwei Stunden vor Tagesanbruch aufstehen und sich in das Haus des Lehrers begeben, um bis zum Beginn des Morgengottesdienstes, an dem er in Begleitung des Lehrers teilnahm, zu „lernen“. Nach dem Gottesdienst wurde nach einer kurzen Pause, in der der Schüler sich ein Stück Brot vom Elternhause holen und in der Schule verzehren konnte, der Unterricht fortgesetzt. Um 10 Uhr ging der Knabe zum Mittagessen heim. Um 11 Uhr mußte er wieder beim Lehrer erscheinen. Ebenso durfte er um 2 Uhr wieder für eine Weile die Schule verlassen, um sich ein Stück Brot von Hause zu holen, mußte aber gleich zurückkehren und bis zum Vorabend am Unterricht teilnehmen. Nach dem Abendgottesdienst erst, zu dem auch die Kinder erscheinen müssen, dürfen sie nach Hause gehen. Im Sommerhalbjahr mußte das Kind in früher Morgenstunde aufstehen, um unmittelbar nach Beendigung des Morgengottesdienstes in die Schule zu gehen. Der Donnerstag ist der Tag, an dem das Pensum der Woche wiederholt wird. Neues darf an ihm nicht durchgenommen, wohl aber der Wochenabschnitt mit dem Raschikommentar im Zusammenhang dargelegt werden. Auch am Sabbat sollen die Kinder Unterricht erhalten und sich nach dem Mittagessen in das Haus des Lehrers begeben. 173