Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
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- Mohel 2× ep/1006163
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms mit den Worten „Hollekreisch, wie soll das Kind heißen?“, den weltlichen Namen des Kindes dreimal ausrufen. Die Kinder werden mit Früchten bewirtet und befreundete Familien durch eine kleine Festfeier erfreut. Berit m3a. Mit viel Feierlichkeit wird in Worms die Berit mila begangen. Die Mohelim, die den Beschneidungsakt vollziehen und deren es immer mehrere in der Gemeinde gibt, beeilen sich, sofort nach Geburt eines Knaben die Eltern um Uebertragung des Ehrenamtes anzugehen. Auch ihre Frauen besuchen die Wöchnerin, um diese Ehre für ihre Männer zu erlangen. Die nicht mit diesem Amt Betrauten werden zu Hilfsdiensten bei der Beschneidung zugezogen, worauf sie gleichfalls großen Wert legen. Drei Tage vor dem Fest wird in den Straßen ausgerufen: „Zu der Jüdisch-Kerz“. Darauf versammeln sich die Frauen im Hause der Wöchnerin, um die vorgeschriebene große und zwölf kleine Kerzen anzufertigen, die in der Synagoge bei der Beschneidung angezündet werden. Am Freitagabend vor der Berit mila findet eine religiöse Feier im Hause der Wöchnerin statt, der sog. Sachar, wobei die Gäste mit Obst und Wein bewirtet werden. Bis zur Berit mila kommen befreundete Frauen drei bis vier Tage lang, um das Kind baden zu helfen und die Wärterin hierbei mit Geldgaben zu beschenken. In der letzten Nacht, die „die Nacht von der Wach“ heißt, versammeln sich Männer und Frauen im Hause der Wöchnerin, die einen, um daselbst Gebete zu sprechen, die anderen, um bei der Frau die Nacht hindurch zu wachen. Die Beschneidung findet, wenn das Wetter es zuläßt, in der Synagoge statt. Die Frau des Gevatters, der mit dem aus dem Griechischen entlehnten „Sandek“ bezeichnet wird, bringt das Kind in die Frauensynagoge, von den vornehmsten Frauen begleitet. Sie übergibt es nach dem Morgengottesdienst, der durch besondere Gesänge ausgezeichnet ist, auf die Schwelle der Verbindungstür, der „Jüdisch-Tür“, tretend, ihrem Mann. Dieser legt das Kind, während der Mohel die einleitenden Gebete laut spricht, auf den einen der beiden noch heute im Wormser jüdischen Museum vorhandenen reich geschnitzten Ehrenstühle, „den Stuhl des Propheten Elia“. Er selbst setzt sich auf den zweiten, links stehenden Stuhl, um alsdann das Kind auf seinen Schoß zu legen. Unter Gebeten des Mohels und des Vaters wird der Akt vollzogen und das Kind den Frauen wieder zurückgereicht Zu dem Mittagsmahl, zu dem der Vater die'Festteilnehmer einlädt und bei dem ein gelehrter Vortrag gehalten wird, hat der Gevatter den Wein zu spendieren, wie er auch die „Jüdisch-Windel“, die für die Beschneidung dient, mitbringen muß. Aus ihr soll die zum Binden der Torarolle dienende, oft reich verzierte Wimpel, die Spende des Kindes füFs Gotteshaus, hergestellt, werden. Dafür erfreut der Gevatter sich besonderer Ehrung beim Vortrag der Gebete im Morgengottesdienst und dem Aufruf zur Tora. Am dritten Tage nach der Berit mila, an dem das Kind wieder hergestellt war und gebadet wurde, fand noch eine kleine Nachfeier im Kreise der Verwandten und nächsten Freunde statt, an der die Mutter des Kindes persönlich teilzunehmen pflegte. Barmizwafeier. Die Barmizwafeier nach Vollendung des 13. Lebensjahres, die erst im 19. Jahrhundert in Anlehnung an die Bestrebungen der religiösen Reformbewegung die feierliche Ausgestaltung erhalten hat, die sie heute allenthalben besitzt, findet im Gottesdienst der alten Zeit nur insoweit Beachtung, als der Knabe den Wochenabschnitt und, wenn er dazu befähigt war, sämtliche Gebete am Freitagabend und am Samstagmorgen öffentlich vortragen durfte. 172