Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms wieder kehrt er zu seiner Bearbeitung zurück. In drei Rezensionen liegt das Buch uns vor. Die älteste Fassung, in einem Quartband auf 165 Blättern in schöner, sauberer Schrift im Jahre 1648 vollendet, und die letzte Fassung, ein Auszug aus dem größeren Werk in Kleinoktav auf 228 Seiten im Jahre 1676 abgeschlossen, sind im Besitz der Israelitischen Gemeinde Worms und für die nachfolgenden Skizzen verwendet worden. Eine dritte Fassung besitzt die Oxforder Bodleianische Bibliothek. Sie unterscheidet sich von der ersten nur durch einige Zusätze am Anfang und am Schluß. Juspas Buch verdiente, soweit es nicht Kultus im engeren Sinne, Ritus und Liturgie behandelt, übersetzt und heute noch gelesen zu werden. Denn es bietet in Einzelheiten und als Ganzes viel Interessantes und Wissenswertes über das innere und äußere Leben der Juden im alten Worms. Wir wollen uns an dieser Stelle auf die Bearbeitung einzelner Teile des Werkes beschränken, die das innere Leben der Juden in Worms zu beleuchten und den Leser auch heute noch besonders zu interessieren geeignet sind. Wir folgen dabei dem Verlauf des menschlichen Lebens, wie Juspa die einzelnen Stufen beschreibt. Geburt. Ueber des Menschen Leben webt ein Geheimnis. Dämonen und Himmelsgeister umschweben ihn schon bei seiner Geburt. Sie wollen ihn schädigen, verderben. Nur Beschwörung und Zaubergewalt vermag sie abzuwehren. Dieser finstere Glaube ist uralt, beherrscht die Völker aller Zeiten und Zonen, auch das deutsche Mittelalter. Er macht vor der Judengasse in Worms nicht halt. Daß er dem reinen, strengen Monotheismus des Judentums zuinnerst und zutiefst widerspricht, ist ihren Frömmsten selbst kaum je eingefallen. Denn auch sie waren Kinder des deutschen Mittelalters. Gleich nach der Geburt eines Kindes wird im Zimmer der Wöchnerin auf den Fußboden ein Kreis mit Kreide gezogen, der mit bedeutungsvollen Namen wie Lilit, Adam und Eva, Sannuj, Samsannuj, Samiglef u. ä. umschrieben wird. Die Wöchnerin darf das Haus frühestens am vierten Sabbat nach der Entbindung verlassen. Denn genau vier Wochen lang muß die Wärterin in jeder Nacht mit einem Schwert in der Hand einige Male um die Wöchnerin im Kreise herum gehen und Beschwörungsformeln sprechen, die, wie Juspa bemerkt, den Frauen bekannt seien. Dann erst war „der Kreis aus“. Der Mutter erster Ausgang war der am Sabbat zur Synagoge, den sie in Begleitung der Frau des Rabbiners und anderer vornehmen Frauen unternimmt, bekleidet mit ihrem schönsten Schleier, Sturz, Röckle und dem Totengewand. Der Ehegatte wird zur Tora aufgerufen. Während er noch auf dem Almemor steht, schickt ihm die Frau die mit den Namen des Kindes gestickte Torawimpel, daß er sie als Spende des Kindes für’s Gotteshaus auf den Tisch niederlege. Dem Kantor, der ein besonderes Gesangstück vorzutragen hat, schickt der Ehegatte ein Maß Wein, dem Synagogendiener ein halbes Maß. Nach der Mittagsmahlzeit ruft der Synagogendiener durch die Straßen: „Zu der Hollekreisch!“, worauf sich bei einem Knaben die noch nicht 13jährigen Jungen, bei einem Mädchen die kleinen Mädchen im Hause des Neugeborenen versammeln, eine Reihe von vorgeschriebenen Sätzen aus der Heiligen Schrift laut im Chor sprechen, dann die Wiege mitsamt dem Kinde, zu dessen Häupten, wenn es ein Knabe ist, der Pentateuch und ein Tallit liegt, dreimal erheben und 171