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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 170

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
Date
1935-01-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms in der Stagnation verharrte, in die es die unglücklichen Zeiten und Verhältnisse des späteren Mittelalters versetzt hatten. Kein frischer Luftzug streicht durch das alte ehrwürdige Gemäuer, kein Frühlingswehen ist spürbar. Noch kennt man nicht die Zeichen der Zeit, die immer stürmischer, ungebärdiger nach Wandel, nach Wechsel, nach gründlicher Aenderung und Umgestaltung verlangt. Gewiß, da und dort wird die mittelalterliche Stille, die Ruhe der verängstigten, weil noch immer bedrängten und gequälten Judenheit unterbrochen; da und dort zeigen sich die Anzeichen und Vorboten der auch für sie im Anzug befindlichen neuen Zeit. Aber noch waren sie zu schwach und zu vereinzelt aufgetreten, um einen Umschwung oder gar Umbruch in der Haltung und Gesinnung dieser Menschen herbeiführen zu können. Das deutsche Judentum lebt noch im 17. Jahrhundert im Mittelalter, in längst versunkener Zeit. Man denkt, man fühlt und man schreibt noch wie im Mittelalter. Da sitzt in der Gemeindestube zu W o r m s oder in seinem stillen Kämmerlein der Synagogendiener, zugleich Schreiber und Bevollmächtigter der Kehilla, Rabbi J u s p a, mit seinem vollen Namen: Jiftach Joseph Juspa, Sohn des Naftali Herz vom Stamme Levi aus der Familie Manzpach, und schreibt und schreibt an seinem Minhagbuch1). In Fulda war er am 13. Adar des Jahres 5364 (1604) geboren. Dort hatte er sich in der Talmudschule des gelehrten Rabbi Pinchas in jüdischer Literatur und Wissenschaft gute Kenntnisse erworben. Im Jahre 1623, als Jüngling von 19 Jahren, kam er nach Worms, um sich in seiner jüdischen Bildung auf der hohen Schule des als Gelehrter, Kabbalist und Wundermaim berühmten Rabbi Elia Loans fortzubilden und zu vervollkommnen. Er war gekommen, nicht um zu bleiben, sondern um wieder zu gehen. Doch die Geister, die ihn riefen, gaben ihn nicht mehr frei. In Worms fühlte er, der wißbegierige, fromme und gottbegeisterte Jüngling, der neben nüchterner Gelehrsamkeit auch das Phantastische, Wundersame, Geheimnisvolle liebte, sich wohl und zufrieden. Er schätzte und liebte die Menschen seiner näheren und ferneren Umgebung und wurde von ihnen geliebt und geschätzt. Hier heiratete und gründete er Haus, und Herd. Hier winde er kurz darauf Stadtschreiber und später als Oberschammes, Schreiber und Vertrauensmann der Gemeinde angestellt. 30 Jahre stand er im Dienste der Gemeinde und starb als 74jähriger am 13. Schewat 5438 (1678). Drei Söhne und zwei Töchter standen an seinem Grabe. Sein Sohn Elieser, auch selbständig literarisch tätig, wurde Uebersetzer und Herausgeber eines der bekanntesten Werke seines Vaters, des Maasse Nissim, des Buches Wormser Wunder; denn Juspa hatte viel geschrieben, eine ganze Reihe von Werken verfaßt. Wir beschäftigen uns hier nur mit seinem Minhagbuch, dem Buch von den Sitten und Bräuchen, von den Ueberlieferungen und Vorschriften, die seit uralten Zeiten Geltung hatten in der jüdischen Gemeinde zu Worms in Haus und Familie, in Synagoge und Gemeindestube, im privaten und öffentlichen Leben. Und was Juspa hier schreibt, ist zuverlässig, treu und gut. Denn ihm hat nicht literarischer Ehrgeiz oder die Lust am Fabulieren die Feder geführt, sondern ihm war das Schreiben eine höhere Pflicht, ein höheres Gebot. Er schrieb wie der mittelalterliche Fromme zu schreiben pflegte: weil eine innere Stimme ihn dazu trieb, ihn dazu berief. Er arbeitete an seinem Buch wie an einem heiligen Werk: in Wahrhaftigkeit, mit Liebe und Hingebung. Immer x) Ueber „die Wormser Minhagbücher“ und besonders das Juspas schrieb A. Epstein im Gedenkbuch für David Kaufmann, S. 288ff. 170

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