Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 1)
- Language
- German
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Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms Nach dem „Minhagbuch“ des Juspa Schammes Von Isaak Holzer Wenn auch das Leben der Völker zu keiner Zeit in Stillstand verharrt, sondern sich gleich dem des Einzelmenschen in steter innerer und äußerer Bewegung vollzieht, so läßt sich doch der Ablauf der Zeiten und Epochen nach dem Gesichtspunkt des vergleichsweise stärkeren oder schwächeren Lebensgefühls kennzeichnen, das die Menschen des betreffenden Zeitabschnitts erfüllt. Zu keiner Zeit aber fühlten die Menschen sich so sehr dem Ueberlieferten: Gesetz, Weistum und Brauch verpflichtet und an sie gebunden wie im Mittelalter. Die Welt war alt geworden. Wohl gab es dauernd Aenderungen und Entwicklungen, aber die Menschen achteten und beachteten sie weniger, hielten sie und empfanden sie als unliebsame, unerwünschte, wo nicht gar verdammenswerte Störungen und Unterbrechungen der gottgewollten und gottgesetzten Ordnung des Lebens. Und was gehörte nicht alles zu dieser! Da standen sie alle gleichberechtigt und gleichgeordnet nebeneinander auf fast gleicher Linie und Stufe: die höchsten und wichtigsten Forderungen der Ethik und Humanität neben den kleinsten und kleinlichsten Formeln und Förmlichkeiten der Zeremonie, der äußeren Sitte, des Betragens und Gehabens. Sie mußte der Mensch alle genau kennen, auf sie seine angespannte Aufmerksamkeit richten — mochte oder konnte er auch nicht immer sie ganz erfüllen —, wenn er vor sich und seinen Mitmenschen bestehen, für vollgültig und vollwertig genommen sein wollte. So entstanden denn in jener Zeit, wie in keiner vorhergehenden und keiner nachfolgenden, Bücher, die mit peinlicher Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit die Sitten und Bräuche der Menschen, der einzelnen Stände und Lebenskreise verzeichneten, beschrieben und zur Ueberlieferung für alle kommenden Zeiten und Geschlechter festhielten. Das 14. Jahrhundert ist das eigentliche Jahrhundert dieses Literaturzweiges, das Jahrhundert der Sittenbücher, der Bücher über Brauchtum und Weistum. Und es ist zugleich das Jahrhundert des großen sozialen und politischen Niederganges, des kulturellen Rückschritts, des seelischen Zusammenbruchs. Aber längst waren die europäischen Völker und die deutschen Menschen über diese Epoche hinausgewachsen, aus ihr herausgekommen, als das deutsche Judentum noch in der geistigen Erstarrung und Lähmung, 169