Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus den Anfängen der Synagoge in Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 3)
- Language
- German
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Ismar Elbogen. Aus den Anfängen der Synagoge in Worms Er hält sehr streng auf Symmetrie in der Zahl der Worte eines Verses und der Zeilen einer Strophe (was in seiner Umgebung durchaus nicht allgemein geschah). Die Reime seiner Strophen sind durchgehend, namentlich bei den aramäischen Gesängen oder durch Bibelworte bedingt. Manche Wendung kehrt häufiger bei ihm wieder und bildet einen Maßstab für die Zuweisung der Dichtungen an den Verfasser. Selbstredend geht es nicht ohne schwierige Worte ab, aber sie überschreiten nicht das Maß des Erträglichen und sind die zeitbedingte Konzession an das paitanische Ideal. Meir nat die Urheberschaft seiner Lieder sehr deutlich gekennzeichnet, er arbeitet regelmäßig sein Namensakrostichon ein, oft mehrmals in ein und dieselbe Poesie. Er nennt im Akrostichon neben seinem Namen den seines Vaters und Großvaters, fügt aber auch mehr oder weniger ausführliche Eulogien hinzu wie Jiskeh Ihhaje olam (= er werde des Lebens der Ewigkeit teilhaftig) oder dtasak b&tora uw&maassim towim (= sei stark in Tora und guten Werken) und ähnlichen Wendungen. Vielleicht hat er schon sehr jung begonnen zu dichten, er hat als reifer Mann weitergearbeitet, und eines seiner Büßlieder verweist im Akrostichon auf seinen Sohn „Jizdiak hekatan jidije Ihoredi jamim w&schanim jigdal bitora uwhmaassim towim“ (= Isaak der Kleine möge leben für die Dauer der Tage und Jahre, er möge groß werden in Tora und guten Werken); nach Zunz ist dieses Lied zur Beschneidung seines Sohnes Isaak verfaßt3 * * * * *). Etwa 40 Gesänge von Meir sind erhalten. Ueberblickt man sie, so wird deutlich, daß er sich an das Mainzer Gebetbuch anlehnt. Was dort an Piutim Kalirs oder Simon b. Isaaks angenommen war, setzt er offenbar als anerkannt voraus. Seine Aufgabe sieht er dort gegeben, wo Lücken im Kranz der Dichtungen vorhanden waren. So schuf er z. B. Jozer Poesien, je eine für die drei Wallfahrtsfeste oder eine für den Neumondsabbat, Gesänge für das Abendgebet der Wallfahrtsfeste, so ergänzte er die bei Kalir nicht überlieferten Dichtungen für die ausgezeichneten Sabbate, vermehrte er die Zahl der Elegien (Selichot) für die Sühntage. Neu führte er Gesänge für den Hochzeitssabbat ein, wenn ein Neuvermählter das erste Mal die Synagoge besuchte und von der ganzen Gemeinde feierlich begrüßt wurde. Neuartig sind auch seine zahlreichen Gesänge in aramäischer Sprache als Einleitungen zum Vortrag der Targumim: Am siebenten Tag Pessach und am ersten des Offenbarungsfestes wurden die Festvorlesungen vom Auszug aus Aegypten und der Offenbarung an Sinai durch das Targum illustriert; Meir hat nun durch zahlreiche Gesänge Vorsprüche zu den einzelnen Teilen dieser Vorlesungen, z. B. zu den einzelnen Sprüchen des Dekalogs geschaffen. Seine Dichtungen erfreuten sich großer Beliebtheit, wurden viel abgeschrieben und häufig als Muster zitiert, sie galten als besonders gewandte Wiedergabe halachischer und hagadischer Inhalte. Das ist auch ihr bedeutendster Vorzug, sie sind mehr gelehrt als dichterisch. Die Themen sind meist durch die Gelegenheit gegeben, im Jozer behandelt er das Geschenk der Schöpfung und versteht seine Darstellung sehr geschickt mit dem besondem Gedanken jedes Festes zu vereinen, sei es die Befreiung aus Aegypten, sei es die Offenbarung am Sinai oder der Zug durch die Wüste mit der Erbauung der Hütten. Immer steht ihm ein ungeheures Material aus dem Talmud und den Midraschim zur Illustrierung seines Gegenstandes zu Gebote. Was in seiner Dichtung hervortritt, ist der feste, seiner selbst gewisse Glaube, der in die Zuversicht, der messianischen Erlösung ausklingt. Auch seine Elegien sind durchaus von einem sicheren Glauben getragen, wenn sie über Verfolgungen klagen, geschieht das in allgemeinen Wendungen, an der Festigkeit des Bundes mit Gott wird nicht gezweifelt. Man kann daraus den Schluß ziehen, daß er die Verfolgungen des Jahres 1096, zu deren Opfern auch sein Sohn und dessen Frau zählten, nicht mehr erlebt hat9). Besondere Volks- 3) Vgl. Zunz, Literaturgeschichte, S. 145—152, 248—250; Synagogale Poesie, S. 187—191 (mit einigen Uebersetzungen seiner Gedichte); Landshuth, Onomasticon, S. 162ff.; Davidson, Thesaurus IV, 432. Landshuth und Davidson haben keineswegs alle Akrosticha, die Zunz angibt, bestätigt. Die Poesien Meirs werden nicht in allen Gebetbüchern zu den gleichen Gelegenheiten verwendet. Vgl. auch Elbogen, Der jüdische Gottesdienst, S. 334. 9) Danach ist Der jüdische Gottesdienst, S. 335, zu berichtigen. 154