Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus den Anfängen der Synagoge in Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261876--207-2261973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ismar Elbogen. Aus den Anfängen der Synagoge in Worms zog und ihn wie jenen Nehorai (den Lichtvollen) nannte5). Er verdiente dieses Ansehen vollauf — nicht nur wegen seiner edlen Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner überwältigen Belesenheit im alten Schrifttum. Man muß immer wieder staunen, wenn man die stupende Gelehrsamkeit der Juden am Rhein im 11. Jahrhundert betrachtet — in einer Zeit, in der es schon unsagbare Schwierigkeiten machte, sich die notwendigen Handschriften zu beschaffen, geschweige denn den weitschichtigen Stoff zu beherrschen. Das ist nicht lediglich ein literarisches, sondern auch ein geographisch-wirtschaftsgeschichtliches Problem, das vielleicht auch auf die Herkunft oder die Handelsverbindungen der deutschen Juden ein Licht wirft. Mainz, die Metropole des Oberrheins, ist damals der Schnittpunkt der zwei Straßen von der französischen Mittelmeerküste nach dem Osten und von Italien nach der Nordsee6). Narbonne und Rom werden auch als Ausgangspunkte jüdischer Kultur für die Judengemeinden des Rheins genannt, und es ist wahrscheinlich, daß über diese Zentren tatsächlich die literarischen Quellen an den Rhein gebracht wurden. Die Bedeutung der Wormser Judenschaft für den Handel jener Zeit geht aus der Zollbefreiung, die im Jahre 1074 Kaiser Heinrich IV. den Juden und den andern Wormser Bürgern gewährt hat7), hervor. So hatten die Wormser wahrscheinlich auch unabhängig von Mainz einen ausgedehnten Handelsverkehr und die Möglichkeit, Handschriften aus dem Ausland zu beziehen. Das war nichts Geringes in einer Zeit, in der Schreibstoff und Schreibkunst außerordentlich kostbar waren. Aber mit dem Besitz der Quellen war es nicht getan, das Verständnis des jüdischen Schrifttums war nur durch eine lebendige Tradition zu erlangen, und diese muß mit den Handschriften zugleich übermittelt worden sein. Sie fand auch eine überraschend schnelle Aufnahme und Verbreitung, nach zwei bis drei Generationen genossen die rheinischen Schulen ein solches Ansehen, stellten sie solche Meister der Auslegung und Gesetzeskunde, daß sie die Schulen Mesopotamiens zu ersetzen vermochten. Meir b. Isaak gehört zu den auserwählten Gelehrten dieses Kreises, er ist in der Bibel und ihren aramäischen Uebersetzungen (Targumim), im Talmud und den Midraschim derart heimisch, daß ihm nicht nur der Inhalt völlig parat ist, sondern auch schwierige Worte und Wendungen ständig zur Verfügung stehen. Er beherrscht neben dem hebräischen Sprachgut das Aramäische so ausgezeichnet, daß er damit verfahren kann, als wäre es Hebräisch. Es bedarf einer besonderen Untersuchung, wie weit sein Aramäisch den Gesetzen der Sprache entspricht — die Beherrschung des Wortschatzes bleibt in jedem Falle erstaunlich. Seine hebräischen Dichtungen sind sehr sauber gearbeitet. 5) Die rühmenden Berichte bei Zunz, Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, S. 610. c) Eine dritte Straße, die von der Atlantischen Küste über Paris und die Champagne ging, führte die wiederholt erwähnte Verbindung mit Troyes herbei; auch die Straße von der Rhone zum Rhein bog dorthin ab. 7) Aronius, Regesten Nr. 162. 153