Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus den Anfängen der Synagoge in Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 1)
- Language
- German
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Aus den Anfängen der Synagoge in Worms Von Ismar Elbogen / Die Synagoge in Worms ist das älteste erhaltene jüdische Gebäude I auf deutschem Boden. Dokumentarisch ist die „Joedenschole“ in I Köln ein Menschenalter früher bezeugt (1012), aber ihre Nennung erfolgt bei Gelegenheit ihrer Zerstörung1). Die Wormser Synagoge hat — ungeachtet aller baulichen Veränderungen, die Krautheimers Scharfblick nachgewiesen hat2) — die Stürme der Jahrhunderte überdauert; sie steht auf ihrem alten Grunde als Denkmal einer bewegten 900jährigen Geschichte und zeugt für die religiöse Begeisterung ihrer Erbauer und Erhalter. Opferbereitschaft für ihre „Schul“ hat die Wormser Juden stets ausgezeichnet, sie haben zu allen Zeiten die Synagoge reichlich beschenkt. Es würde verlohnen, auf Grund der Quellen einmal eine Uebersicht über all die Stiftungen für den Verbrauch der Synagoge (wie Licht, Wein) oder ihren und der vielen Kultgeräte Schmuck zu schaffen3). Auch die Stiftung von Gebetbüchern gehört hierher, von denen eines, das schöne illuminierte Machsor aus dem 13. Jahrhundert, sich noch im Besitz der Israelitischen Religionsgemeinde befindet. Wir wenden unsere Gedanken zurück in die ersten Jahrzehnte der Synagoge und vergegenwärtigen uns einige der hervorstechenden Persönlichkeiten, die ihrem Ritus das Gepräge gegeben haben4). Da tritt uns zunächst die Gestalt des R. Meir b. Isaak b. Samuel entgegen. Er hatte den Beruf des Scheliadi Zibbur, d. h. des Beauftragten der Gemeinde. Das ist mehr, als was wir heute unter einem Vorbeter verstehen. Das Amt schloß nicht nur das Vorbeten ein, sondern die gesamte Gestaltung des Gottesdienstes. Gebetbücher waren damals eine Kostbarkeit und nur in geringer Anzahl vertreten — vielleicht hatte nicht einmal immer der Vorbeter ein vollständiges Exemplar. Dieser hatte nicht nur die Stammgebete auszuwählen, sondern auch die synagogalen Gesänge, und es gehörte wahrscheinlich zu seinem Amte, auch neue Dichtungen und neue Melodien für die Gemeinde vorzubereiten. Meir genoß ein ungeheures Ansehen. Raschi, der berühmteste Gast der Wormser Gemeinde, lernte ihn um 1060 als allgemein verehrte Persönlichkeit kennen und bewahrte ihm diese Wertschätzung während seines ganzen Lebens. Die Meinung von Meir war so hoch, daß man den naheliegenden Vergleich mit dem Rabbi Meir der Mischna x) Aronius, Regesten Nr. 146. 2) Richard Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen, S. 151 ff., 268 ff. 3) Vgl. besonders das Seelengedächtnis in Kobez al Jad, III, S. lff., u. V, S. 7 ff. 4) Zunz, Ritus, S. 69, wo freilich hauptsächlich Einzelheiten aus jüngeren Quellen wiedergegeben sind. 152