Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die deutschen Kaiser und die Wormser Juden
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 9)
- Language
- German
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Adolf Kober. Die deutschen Kaiser und die Wormser Juden sich den Juden seines Reiches gegenüber wohlwollender als die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger. Das sehen wir auch aus seinem Verhalten gegen die Wormser Juden. Die Stadt Worms hatte unter den Kämpfen und Einquartierung des dreißigjährigen Krieges Entsetzliches zu leiden, auch nach dem Prager Frieden von 1635. Die kaiserlichen Regimenter, die nach dem Abmarsch der Franzosen und des Herzogs Bernhard von Weimar in die Stadt einrückten, kosteten von Juli bis Dezember 1635 38327 Gulden. 1636 mußte die Stadt zwei Regimenter unterhalten, von denen das eine 543838, das andere 354 503 Gulden kostete; außerdem mußte die Stadt ungeheure Frucht- und Weinlieferungen leisten, von den Erpressungen und freiwilligen Geschenken nicht zu reden. Das Elend erreichte den Gipfel. Pest und Hungersnot vernichteten die Einwohnerschaft und verwandelten das pfälzische Land in einen verödeten Kirchhof. Auch die Wormser Juden hatten entsetzlich zu leiden, daß sie 1632 gleich Bürgern und Bauern, sogar am Sabbat, schanzen und helfen mußten, die Häuser abzubrechen, ist für damals nichts Außergewöhnliches. Aber schon in diesem Jahre hatte der Tod in der Judengasse durch eine Seuche eine erschreckende Ernte gehalten. Da kam die Mitte d. J. 1635 heran. Ohne Pause wütete das Sterben in der Gasse bis in den Winter des folgendes Jahres hinein; bis Ende des Jahres 1635 waren im Ghetto 200 Personen durch die Seuche dahingerafft worden, manches Haus war fast völlig entvölkert. Dazu hatte der Magistrat 1635 von den Juden für ein Winterquartier 40000 fl. erpreßt, so daß die Wormser Judenheit sich in ihrer Not an den Kaiser wandte und klagte „es bleibt uns nichts anderes übrig, als daß wir unsere Häuser, die wir seit 1700 Jahren (!) in der genannten Stadt innegehabt haben, verlassen und mit dem leeren Ranzen in die Verbannung ziehen müssen“. Und nicht genug damit. Erneut forderte der Rat 35 000 fl. von ihnen; und um das Geld zu erhalten, verhaftete man Juden. Am 16. Mai 1636 befiehlt der Kaiser dem Wormser Rat, in Angelegenheiten der Verpflegung der einquartierten Regimenter mit Maß und unter Hinzuziehung der Interessenten die Besteuerung der Wormser Judenschaft vorzunehmen und diejenigen Juden, die man, um Geld zu erpressen, gefänglich eingezogen hatte, freizulassen. Am folgenden Tage richtet Ferdinand die ernste Mahnung an die militärischen Befehlshaber, die Judenschaft in der kaiserlichen Reichsstadt Worms wie alle ihre Angehörigen nicht durch Einquartierungen oder sonst wie durch Exekutionen zu belästigen, da sie in den kaiserlichen Schutz aufgenommen sei. In der Not sandte die Gemeinde Abgesandte an den Kaiser wie an den kaiserlichen General Gallas, wovon jüdisch-deutsche Aufzeichnungen im Gemeindearchiv noch Zeugnis ablegen. Am 4. Juli 1636 muß der Kaiser seine Aufforderung an die Stadt wiederholen. Am 15. Fabruar 1637 wurde endlich vor dem kaiserlichen Kriegskommissar ein Vertrag über den Anteil der Judenschaft an den Kriegskontributionen zwischen Magistrat und Judenschaft abgeschlossen und vom Kaiser bestätigt. Das Verhalten Kaiser Ferdinands III. gegen die Juden ist ungleicher und schwankender als das seiner Vorgänger gewesen; aber er hat dem Staatsinteresse die Berechtigung zuerkannt, um seiner selbst willen die Juden zu dulden. Die Leiden der Juden in Worms nahmen nicht ab und wollten; darum wollten auch ihre Klagen gegen die Stadt nicht aufhören. So beauftragte denn der Kaiser den Erzkanzler, den Kurfürsten Anselm Kasimir von Mainz, mit dem Schutze der Wormser Juden gegenüber dem Rat (27. Januar 1639). Der Kurfürst wendet sich am 4. Juli 1639 an den Kommandanten zu Worms und erteilt ihm Verhaltungsmaßregeln zum Schutze der dortigen Judenschaft. Trotzdem sah sich die Judenschaft genötigt, sich an den Generalfeldwachtmeister Camillo Gonzaga zu wenden und ihn um einen Schutzbrief zu bitten, den sie auch am 17. Dezember 1640 erhielt. Am 14. Oktober 1642 hat in kaiserlichem Auftrag der Kurfürst einen Vergleich zwischen Stadt und Judenschaft herbeigeführt. Dtie Wormser Judenschaft zahlt 600 Reichstaler und 700 fl. an den Magistrat; dagegen wird ein Drittel der nach der Judenordnung von 1620 zu zahlenden Hauszinssteuer erlassen. Da die Stadt in ihrer neuen Judenordnung die Steuern der Juden wesentlich erhöht hatte, wandten sich letztere mit der Bitte um Schutz an den Kaiser. 142