Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die deutsche Judenfrage vor 100 Jahren
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 8)
- Language
- German
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Ismar Freund. Die deutsche Judenfrage vor 100 Jahren eine Eingabe an den Minister des Innern. Diese wurde auch entworfen, kam aber schließlich nicht zur Absendung, weil sie, wie sich weiter zeigen wird, durch die Ereignisse überholt wurde. Die Erregung beschränkte sich nämlich nicht auf die durch den Entwurf unmittelbar bedrohten preußischen Juden. Ihre Glaubensgenossen im Ausland nahmen an den Vorgängen lebhaftesten Anteil und empfanden mit ihren preußischen Brüdern die drohende Neuordnung als eine Katastrophe. Schon im ersten Bericht des Bundesgesandten ist von der großen Besorgnis und Unzufriedenheit die Rede, welche „die wohlhabenderen Juden hier und andrerwärts äußern“. Man geht in der Annahme kaum fehl, daß der Gesandte hierbei nicht zuletzt an einen Mann gedacht hat, dessen überragende Stellung seinem Worte besonderes Gewicht verleihen mußte. Es war dies der Frankfurter Bankier Meier Amschel von Rothschild. Dieser hatte sich, voll Sorge um das Schicksal seiner preußischen Glaubensgenossen, ohne Furcht, sich dadurch vielleicht den Vorwurf der Einmischung In die Angelegenheiten eines fremden Staates zuzuziehen, an verschiedene hohe Staatsbeamte und schließlich mit einem Immediatgesuch an den König selbst gewandt, um seiner tiefen Besorgnis um das Schicksal der preußischen Juden Ausdruck zu verleihen. Man geht kaum in der Annahme fehl, daß es nicht zuletzt auf diese Bemühungen Rothschilds zurückzuführen ist, wenn die Allgemeine preußische Staatszeitung in ihrer Nummer vom 2. März 1833 die folgende vom Tage vorher datierte hochoffiziöse Mitteilung bekannt gab: „Mehrere öffentliche Blätter haben es sich zum Geschäft gemacht, einen vermeintlichen Entwurf zu einer Judenordnung für die preußische Monarchie aufzunehmen und dabei zu versichern, daß derselbe die Genehmigung der betreffenden königlichen Ministerien erhalten habe. Wir können dagegen aus glaubwürdiger Quelle versichern, daß letzteres keineswegs der Fall ist, daß jedoch Beratungen der betreffenden königlichen Ministerien über diesen Gegenstand stattfinden und daß dabei das wohlverstandene Interesse des Staates mit demjenigen, was Gerechtigkeit und Billigkeit gegen eine jede Klasse der Untertanen erheischen, soviel nur irgend möglich in Einklang gebracht werden soll.“ Es ehrt in gleicher Weise Rothschild wie den König, wenn dieser auf die Vorstellung Rothschilds unter dem 17. März 1833 antwortete: „Ich lasse sehr gerne den teilnehmenden Gesinnungen' Gerechtigkeit widerfahren, durch welche Sie veranlaßt worden sind, Ihre Glaubensverwandteu in meinen Staaten meiner besonderen Berücksichtigung aus einer Besorgnis zu empfehlen, welche durch voreilige und ungenau verbreitete Mitteilimgen entstanden ist. Die deshalb verfügte öffentliche Bekanntmachung wird inzwischen die Befürchtungen bereits beseitigt haben und ich nehme nicht Anstand, zu Ihrer völligen Beruhigung darauf Bezug zu nehmen.“ Die Regierungserklärung, die durch dieses königliche Handschreiben in ihrer hochoffiziellen Bedeutung noch unterstrichen wurde, beseitigte die unmittelbare Gefahr, die den preußischen Juden von dem Entwurf in staatsbürgerlicher, bürgerlicher und sozialer Hinsicht drohte. Die von der Regierungserklärung erwartete günstige Wirkung blieb nicht aus. Zwar berichtete der Bundesgesandte noch am 3. März 1833 nach Berlin: „Die hiesigen, wie die meisten süddeutschen Zeitblätter fahren fort, sich über die projektierte Judenordnung auf wenig billigende Weise zu äußern. Selbst die von Berlin aus an verschiedene Zeitungen angeblich gesandte Nachricht, daß das betreffende Projekt vom Staatsministerio verworfen sei, hat die Gemüter 41