Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 31)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums borgen; aber kurz vorher sagt Gans: „Darum können weder die Juden untergehen noch kann das Judentum sich auflösen.“ Ueberhaupt sieht Gans die Antithetik mit großer Schärfe. Er sieht, daß, wie auch immer die Verwandlung des Judentums aussehen möge, mit ihr Hand in Hand auch eine neue soziologische Innenbindung gehen wird. Die Aufklärung mit ihrer Negation des Alten hatte das jüdische Individuum aus der Gemeinschaft heraustreten lassen und auf sich selbst gestellt. Nun ruft der Verein, dem seine Sache Sache des Judentums überhaupt ist59), zu einem jüdischen Wollen auf. Dieses Wollen verschiebt sich aus — sozusagen — begriffsgeschichtlichen Gründen und in der wissenschaftsbegeisterten Atmosphäre der Zeit notwendig ins Theoretische. Aber wie weit auch immer man sich in das Gedankengebiet hineinwagt, in dem jüdische Tat nur noch jüdisch-wissenschaftliche Tat ist, man kann sich zuletzt niemals dem Wissen entziehen, daß jede Arbeit, Bildungs- und Volksarbeit, die an den jüdischen Menschen als jüdischen Menschen sich richtet, neue menschliche Bindung der Juden fordert. „Dieses sich auf sich Stellen, welches, wenn man es weiter verfolgt, den Charakter des ganzen damaligen Zeitalters, oder das Wesen der sogenannten Aufklärung ausmacht, war ebenso notwendig als heilsam, weil der von seinen Fesseln befreite subjektive Geist, das Individuum in seiner Vereinzelung und in seinem negativen Verhalten lange beharren mußte, tun diejenige Stärke zu gewinnen, die ihn nicht zu einer gezwungenen, sondern zu einer freiwilligen Rückkehr bewegen konnte. Diese Rückkehr aber ist es, worauf es ankommt. Das aus dem Kelche der Pflanze befreite Samenkorn wird wiederum der Grund eines neuen Gewächses: das seiner Familie entwachsene Individuum wird selbst wieder der Urheber einer neuen Familie, was sich wahrhaft befreit hat und wahrhaft für sich steht, das feiert diese Befreiung dadurch, das es sich wieder bindet und zur Substanz zurückkehrt, von der es sich löste“60). Wollte man die Epoche von Mendelssohn bis auf unsere Tage als einen allmählich sich vollziehenden, oft getrübten Reformationsprozeß des Judentums betrachten, der im Gegensatz etwa zur christlichen Reformation nicht momentan, sondern eben in allmählicher Entwicklung vonstatten ging, so müßte man auf eine solche Stelle wie die hier zitierte sein ganz besonderes Augenmerk richten. Hier ist bewußt — wie für jede Reformation charakteristisch — Einsicht genommen in das Reich des Individuums, seiner Freiheit und seiner Bindungsnotwendigkeit. In unserm Zusammenhang ist wichtig, wie diese schlichte soziologische Einsicht, daß keinerlei Arbeit an der Gemeinschaft möglich sei, ohne daß die Gemeinschaft gebunden wird, auch das Ideal der Verwissenschaftlichung des Judentums von neuem problematisch macht. Denn eben diesem Ideal müßte Volksarbeit vorausgehen, die wiederum neue gesellschaftliche Gruppenbildung schafft. Graetz61) tut den Kulturvereinlern sicher Unrecht, wenn er es ihnen ganz und gar nicht glauben will, daß die Gleichgültigkeit der 59) Wir verweisen auf die Anfangsworte des Listschen Manuskripts — oben S. 9 — in denen klar zum Ausdruck kommt, in welcher Breite man letztlich die Vereinsarbeit auffaßte. Die neue Vereinsarbeit muß an Stelle des früheren Bandes, das den jüdischen Menschen durch sein „Einerlei“ zusammenhielt, treten. Neuer Verein gleich neues Volksethos. 60) Dritte Rede, S. 197, 198. 61) Graetz, Geschichte, Bd. XI, S. 414. 31