Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums von Gans, aber auch hinter dem ersten Teile der uns schon bekannten Ausführungen von List steht, soll in diesem Zusammenhänge nicht eingegangen werden. List hatte — das sei vergleichsweise hier erwähnt — die Fragen aus einer gewissen jüdischen Vitalität heraus angefaßt, und wenn seine Darlegungen gerade durch diese Ursprünglichkeit ergreifend wirkten, so bemerkt man doch eine ebenso tiefe Tragik auch in den Ausführungen von Gans: Europa hat ein Recht auf die Juden; denn auch der jüdische Gedanke ist in Europa, wirkt dort fort. Warum sträuben sich die Juden nun, nachdem ihr Gedanke seine einmalige historische Wirksamkeit erfüllt hat wider das Aufgehen in Europa? Einführung der Juden in den Organismus Europa könnte — wie auch schon Moser betont hat — heißen: bewußtes und radikales Aufgeben des Judeseins. Diesem Wege haben sich die Kulturvereinler gefühlsmäßig entzogen. Ihr Gefühl lehrt sie, daß gerade sie, die Gebildeten, bei ihrem Volke stehen müßten. Das kommt bei Eduard Gans und den andern Mitgliedern des Vereins deutlich zum Ausdruck, manchmal in der Motivation stark noch an einen aufklärerischen Standpunkt freilich erinnernd. Aber auch in der geistigen Grundlegung ihrer Position liegt eine Hemmung gegen eine radikale Assimilation: eben in jenem Vorstoß bis zu der metaphysischen Frage nach dem „Was“ der Juden. Dieses „Was“ der Juden ist freilich — wie hier schon hervorgehoben — weniger ein ganz bestimmt formulierbarer Ideengehalt im Judentum, um dessentwillen das Judentum erhalten werden müsse, als vielmehr die Einsicht, daß jede Existenz, die eine geistige Ausweismöglichkeit in einer eigenen Wissenschaft besitzt, auch ohne Inhalte, die der Umwelt gegenüber als höher wertig zu betrachten sind, ihren Ort finden müsse und nicht untergehen dürfe. Wenngleich also „die Forderung des heutigen Europa, daß die Juden sich ihm ganz einverleiben sollen“, weil sie eine Forderung ist, die aus der „Notwendigkeit“ des Begriffes Europa fließt52), mit der ganzen Wucht empfunden wird, so darf dennoch dieses Aufgehen „nicht untergehen“53) sein; es muß vielmehr ein eigentümliches Sich-Umorganisieren und Sicheinfügen sein. Hier müssen Gans’ Ausführungen allerdings in eine gewisse Unklarheit verrinnen, und uns bleibt nur die Aufgabe, die innere Notwendigkeit dieser Unklarheit zu erkennen. Das Problem, vor dem sich Gans sieht, ist einschneidend: Gegenüber dem wundervollen, freien und bunten Ineinandergreifen der Geschichtsfaktoren in dem zum Bewußtsein seiner selbst gekommenen Europa wäre es Sünde, sich abgesondert zu halten. Europa muß die Juden mit diesem religiös-ethischen Begriff der Sünde beurteilen, wenn es wahr ist, daß alle vom Menschengeist erzeugten Ideen in diesem Zeitalter des Idealismus in klarem Wissen sich abheben, und wenn die jungen Juden das religiös-ethische Pathos der Zeit eines Fichte und Hegel mitgefühlt haben, dann müssen auch sie etwas wie Sünde auf einer ganz abgesonderten Existenz lasten fühlen. Aber kann man sich aufgeben, sich ganz jener Umwelt schenken, von der man eben erst die Lehre empfangen hat, daß Individualität, Eigensein sinnvoll ist? Darum muß Ganz sagen: 52) a.a.O., S.112. 53)a.a.O. 29