Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums immer näher rückenden Geistes. Jeder dieser Stände ist ein geschlossenes, in sich vollendetes Ganze, aber dennoch hat er seine Bedeutung nicht von sich, er hat sie nur von dem Anderen; jedes Glied hat sein besonderes Leben, und dennoch lebt es nur in dem organischen Ganzen. Was ein Stand ist, ist er nur durch alle; was alle sind, sind sie nur durch das Ganze. Darum ist kein Stand gegen den andern und kein Verhältnis gegen das andere in scharfer Linie begrenzt, sondern alle haben sie sanfte, die Verschiedenheit und die Einheit zugleich bezeichnende Uebergänge“48). Auch alle geschichtlichen Wirklichkeiten sind dem Menschen der Epoche greifbar in den Gestaltungen, in denen sie diese Zeit mitgebaut haben, in denen sie dieser Zeit bewußt werden. „Diese Totalität hervorzurufen, hat der Orient seinen Monotheismus, Hellas seine Schönheit und ideelle Freiheit, die römische Welt den Ernst des Staates dem Individuum gegenüber, das Christentum die Schätze des allgemeinmenschlichen Lebens, das Mittelalter seine Gliederung zu scharf begrenzten Ständen und Abteilungen, die neuere Welt ihre philosophischen Bestrebungen gespendet, damit sie alle als Momente wieder erscheinen, nachdem ihre zeitige Alleinherrschaft aufgehört. Das Gesamtprodukt dieses vieltausendjährigen Lebens hat das heutige Europa der anderen Hemisphäre als Vermächtnis übergeben, aber ohne das sichtliche Gerüst seiner Geschichte; und daß der Gegen-r satz sich vollende in Asien, darf es sich noch heute seiner Wiege bewußt werden, ein glücklicher Alter. Das ist des europäischen Menschen Glück und Bedeutung, daß er in den mannigfaltigen Ständen der bürgerlichen Gesellschaft frei den seinigen sich erwählen darf, daß er in dem erwählten alle übrigen Stände der Gesellschaft fühlt. Nehmen Sie diese Freiheit hinweg, und Sie haben auch seine Grundlage und seinen Begriff genommen. Also ist das europäische Leben“49). Dieser vielgestaltigen Einheit Europas läßt Gans das „jüdische Leben“, „die Juden“ gegenübertreten. Das charakteristische Merkmal dieses jüdischen Lebens aber ist, daß es — obzwar eine gewisse Einheit bildend — dennoch nicht die Struktur eines Organismus angenommen hat; es ist „die noch garnicht zur Vielheit gekommene Einheit“50). Die hauptsächliche Berufsschichtung der Juden hat sich — nach der Meinung von Gans anscheinend mit innerer Notwendigkeit — auf den Handelstand konzentriert. „In der frühesten Zeit als Bewahrer der Idee von der Einheit Gottes bestellt, bedurfte es dieser Idee nicht einmal, um auch Staat, Sitte, Gesetz und Religion als das eine ununterschiedene Selbe erscheinen zu lassen. Denn darin unterschieden sich die Juden von keinem andern orientalischen Volke. Was sie unterschied, war die fruchtbare Bildsamkeit, mit der sie eine neue Welt aus sich herausgeboren, ohne selbst dieser Welt teilhaftig zu werden. Als ihr Staat untergegangen war, haben sie den Begriff dieser Einheit festzuhalten, sich eines Standes, des Handelsstandes, bemächtigt. In diesem lag jedoch neben der Einheit, die er gewährte, wie in keinem andern die Möglichkeit der Entwicklung zu allen übrigen Ständen der Gesellschaft. Daß diese sich dennoch Jahrtausende verzögerte, ist zunächst darin zu suchen, daß die Gesellschaft selbst noch zu keiner vollständigen Entwicklung gekommen war; daß die eine Besonderheit kaum als solche erschien, wo noch so viele nicht zur Uebereinstimmung gebrachte Massen vorhanden waren. Ausgeschlossen und ausschließend gingen sie daher, eine eigene Geschichte, parallel neben der Weltgeschichte her, gehalten durch das kunstreiche Ineinander ihres häuslichen, politischen und religiösen Lebens sowohl als durch das Auseinander aller übrigen Stände der Gesellschaft“51). Auf die Konstruktion der jüdischen Geschichte, die hinter diesen Ausführungen sowie anderen hier nicht abgedruckten Ausführungen 48) a. a. O. 49) a. a. O., S. 111. 50) a. a. O. 51) a. a. O. 28