Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259300-2261730--039-2261802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums -vom „Wie“ zum „Was“ angelegt war. In diesen Zusammenhang gehören auch wohl die folgenden Worte aus der dritten Rede: „Fragt man mich aber, was die Zeit wolle, so antworte ich: sie will das Bewußtsein von sich erringen, sie will nicht bloß sein, sondern auch sich wissen. Kein Leben soll gelebt werden, von dessen Notwendigkeit sie nicht auch zugleich überzeugt sei, keine Erscheinung soll sich zeigen, von der nicht die -Gewißheit da sei, daß sie nur so und nicht anders erscheinen könne. Indem dieses Streben der Zeit die höchste Stufe ist, die überhaupt errungen werden kann, liegt in ihm auch die höchste Beruhigung und die höchste Versöhnung“44). Dieser Rechtfertigung durch Durchdringung mit dem Geiste muß sich auch das Judentum unterziehen lassen; das bedeutet zugleich, daß es nun nicht mehr Gegenstand der „Aufklärung“ allein sein kann. Mit überaus großer Schärfe sieht Gans neben den Vorzügen der Aufklärung auch ihre großen Nachteile für die Juden: sie hat den jüdischen Menschen zwar in ein Reich einer gewissen Freiheit geführt, hat ihm aber zugleich die Geschlossenheit, „die Gediegenheit des jüdischen Lebens“ geraubt45). Zudem hat sie in oben erwähntem Sinne den Ansatz der Judenfrage verfehlt und in dieser Verfehlung bis in die Diskussionen über die Gleichberechtigung der Juden nach den Freiheitskriegen hinübergereicht. „Wem von Ihnen, meine Herren und Freunde, ist nicht das schale Für und Wider gegenwärtig, mit dem in dem letzten halben Dezennium — seit der Beendigung des' Freiheitskampfes, ein immer einseitiges Räsonieren sein Spiel getrieben, in dem Wahn, entweder das Für müsse doch recht sein oder das Wider, und die Weisheit liege in einem von beiden"46). Demgegenüber soll nun das Judenproblem von dem geschichtsmetaphysischen Bilde Europas aus gedeutet werden, wie es sich den Blicken von Gans darstellte. „Wie sich das heutige Europa uns darstellt, so ist es nicht das Werk und die Geburt eines zufälligen Wurfes, der möglicherweise anders, besser oder schlechter hätte ausfallen können, sondern das notwendige Ergebnis der vieltausendjährigen Anstrengung des vernünftigen Geistes, der sich in der Weltgeschichte offenbart. Treten wir seinem Begriffe näher, so ist er, abstrakt ausgedrückt, der der Vielheit, deren Einheit allein im Ganzen ist"47). Schön und in der „bewußten“ Hochstimmung des Idealismus wird der Bau dieses Organismus von Gans geschildert, geschildert, wie die Weltgeschichte hinstrebte, nun im Zeitalter des zu sich selbst kommenden Geistes vom Menschen ergriffen zu werden, wie der des Geistes sich bewußte Mensch in dieser Zeit, wenn er sich in diese Zeit stellte, den sich offenbarenden Weltgeist ergreifen könnte und von ihm ergriffen werden könnte. In dieser Situation Europas „da ist kein Gedanke, der nicht zu seinem Dasein und zu seiner Gestaltung gekommen wäre; da ist keine Richtung und keine Tätigkeit, die nicht ihre Dimensionen gewonnen hätte. Ueberall zeigt sich die fruchtbarste Mannigfaltigkeit von Ständen und Verhältnissen, das Werk des seiner Vollendung 44) Dritte Rede a. a. O., S. 195. 45) Dritte Rede a. a. O., S. 197. In einer überaus interessanten Liste der Fehler der damaligen Juden hat Zunz (Ms. vom 5. Dez. 1819 „Entwurf der am Juden zu verbessernden Gegenstände") den Juden „Aufklärerei" als Fehler vorgeworfen. Wir scheiden wohl zwischen Aufklärung und ihrer psychologischen Begleiterscheinung „Aufklärerei"; immerhin wirft auch diese erwähnte Tatsache ein Licht auf die Stimmung in der Generation. Vgl. bei Gans a. a. O., S. 198. 46) Zweite Rede a. a. O., S. 109. 47) Zweite Rede a. a. O., S. 110. 27