Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums Die erste von Gans' drei Reden beginnt mit einer Gleichsetzung von Leben und Wollen, oder genauer: von Leben und einem „bestimmten Wollen“. Was einer gewollt, erstrebt hat, das ist das Kriterium seiner menschlichen Bedeutung, und nur wenn der Mensch sich ganz mit einem bestimmten Wollen erfüllt, hat er das Bewußtsein seines tiefen Zusammenhanges mit Gott erlangt. Von dieser These aus erhebt sich dann die weitere Frage, ob die jüdische Existenz nicht ein Brachland ist, das von einem Wollen noch nicht erfaßt und bestimmt ist und gerade deshalb den Zusammenhang des jüdischen Menschen — in dieser willenlosen jüdischen Zeitsituation — mit dem Göttlichen verhindert! In diesem Fanfarenruf zu einem jüdischen Willen liegt unzweifelhaft etwas von jener von uns schon oft betonten neuen Aktivitätsstimmung. Aber man darf nicht vergessen, welche innere Auflockerung dieser Willensbegriff bei Gans erfahren muß. Hier in diesen ersten Zeilen der ersten Rede steht das Wort „Wollen“ nachbarlich neben dem „Bewußtsein“, und auch die beiden Begriffe zeigen hier die innere Nähe — und diese Nachbarschaft ist auch von Hegel her bekannt. Durch die innere, tief im System begründete Verkoppelung des Willensbegriffes mit dem Bewußtseinsbegriff bei Hegel, also einer Transposition gewissermaßen des Willens in eine mehr theoretische Sphäre erhält der Willensaufruf auch bei Gans eine wesentlich andere Färbung. Wille, so sagt Hegel41), ist „an sich das Bewußtsein der Persönlichkeit oder eines Jeden“. Ruft Gans nun zu einem Willen auf, der das Judentum zum Gegenstände hat, so hört man schon im ersten Ansätze jenes theoretisierende, auf Erkenntnis vor allen Dingen hinziehende Moment heraus. Zum Willen zu kommen, heißt hier zum Bewußtsein zu kommen, heißt recht eigentlich, zur Wissenschaft vom Judentum zu kommen42); denn der zum Eigenbewußtsein gekommene Geist ist die Wissenschaft. Nach all dem, was wir bis nun von den inneren Tendenzen des Vereins kennengelemt haben, wird es nicht Wunder nehmen, wenn Gans an die Frage des Judentums herangeht, indem er ausdrücklich betont, die Fragestellung dürfte nicht lauten: „Wie sind die Juden?“, sondern sie habe zu lauten: „Was sind die Juden?“, was ist ihre seinsmäßige Bedeutung43)? Diese seinsmäßige Bedeutung der jüdischen Existenz ist keine immanente, keine — religiös gesprochen — offenbarungsmäßige; die Seinsbedeutung der jüdischen Existenz erfassen, heißt vielmehr den Ort dieser rudimentären Existenz in der Situation Europas, des europäischen Geistes, bestimmen. Europa, das nun — nach der Grundüberzeugung der Zeit — in die Epoche des Geistes und der Wissenschaft eintrat, war gleichsam das Symbol metaphysischer Verwirklichung, und so wird erst recht das soziologische Problem des Judentums zu einem metaphysischen, zumal die Hinneigung zu dieser Fragestellung schon in der Problemwendung 41) Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, ed. Georg Lasson (Philosophische Bibliothek Meiner), S. 380. **) Vgl. die Hegelsche Wissenschaftsdefinition, ebenda S. 17. „Der Geist, der sich so entwickelt als Geist weiß, ist die Wissenschaft.“ 43) Zweite Rede a. a. O., S. 109. 26