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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 25

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
Date
1935-01-01
Page
Seite 25 (sequence 25)
Language
German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliehe Grundlagen der Wissenschaft des Judentums keit, in seiner augenblicklichen Situation. Sie besteht in einer gewissen Zufälligkeit und wird gesehen, ohne daß der sich auf sie richtende Blick mit ihr zusammen auch gleich die gewaltige Reihe ihres Werdens betrachten müsse. Soziologische Gegebenheiten sind es, die für Gans die Verbindung mit der jüdischen Realität allein hersteilen. Von da aus führt erst der Weg dazu, diese Erscheinungen der Wirklichkeit in das Reich der geistigen Geltungen einzuordnen. „Geburt, Verwandtschaft, Erziehung, freundschaftliche Verhältnisse und die Bande, so jene zarteren Eindrücke der kindlichen Erinnerung weben, die der edlere Mensch niemals verliert, ohne zugleich auf gehört zu haben, der Edlere zu sein, fesseln uns an die Glaubensgenossen“38). Aber auf diesem Grunde der vitalen und gefühlsmäßigen Gegebenheiten soll die Stellungnahme allein nicht aufgebaut sein; zu sehr steht man durch die wichtigsten Elemente seiner Bildung außerhalb des Judentums. „Dankbarkeit für die Wohltat unserer Erziehung und unserer Menschwerdung im besseren Sinne, Dankbarkeit für den Standpunkt, auf den wir uns haben stellen dürfen, fesselt uns an das Vaterland“39). So ist es zu verstehen, daß an die Judenfrage vor allen Dingen einer objektiven, allgemeinen ethischen Forderung gemäß herangegangen wird. An den oben zitierten Satz über die Bande, die an das Judentum fesseln, reiht sich unmittelbar ein sehr charakteristischer Satz an: „Das natürliche Wohlwollen, das jede verwahrloste Menschenklasse im allgemeinen, der verwahrloste Bruder aber vor allen Dingen in Anspruch nimmt, fesselt uns an die Glaubensgenossen“40). Daß die jüdischen Menschen „Brüder“ sind, dieser Tatbestand ist nurmehr — diesen Eindruck gewinnt man aus der angeführten Formulierung — der Spezialfall eines Allgemeinen, und das subjektive Moment der Blutsverbundenheit hat keinen höheren Platz in der Ordnung der Werte, solange nicht mit den Mitteln des Geistes dieses Faktum des Jude- Seins, das mehr zufällig mir nahe gelagert ist, geistig erarbeitet, sinngemäß erfüllt ist. Wenngleich es für Gans keinen absoluten, zwingend wirksamen Ideeninhalt des Judentums gibt, so muß er, der so nüchtern auf die Realität blickt, dem Geiste seiner Zeit verbunden, dennoch weiter fragen. Er muß weiterfragen, ob dieses Judentum, wenn auch keinen aktualen Inhalt, nicht vielleicht doch eine Ganzheit habe, Individualität sei, die nicht negierbar, nicht hinwegleugbar sei, wie Geschichte eben nicht negierbar, nicht aus der Welt zu schaffen ist. In diesem Weiterfragenmüssen erfüllt sich ein Schicksalsmäßiges für Gans und seinen Kreis: Man möchte das Judentum nur als eine lösbare Frage des soziologischen Verhaltens betrachten und kommt doch nicht davon los, nach dem „Was“ des jüdischen Menschen zu fragen; man kann sich dem auch nicht entziehen, daß, sogleich nachdem man das Problem des gegenwärtigen Judentums gesehen hat, die Geschichte dieses Judentums mitgesehen werden will. 38) Wir zitieren die drei Reden von Gans nach der Ausgabe von Rubaschoff in „Der jüdische Wille“, I. Vgl. zu unserer Stelle ebenda S.39. 39) a.a.O. 40) a.a.O. 25

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