Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums meine Herren, der Tendenz sowohl als dem Unternehmen selbst Ihren Beifall nicht gänzlich versagen werden, so sehr auch beschränkte Köpfe darüber schwindlicht werden mögen, und bleibe mit aller Ehrfurcht Euer Wohlgeboren ergebenster Sinai Kirschbaum, med. stud.“ Man könnte meinen, dieses Schreiben sei einer ernsthaften Würdigung von uns aus nicht wert; aber es gewinnt dennoch eine gewisse geistesgeschichtliche Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der darin enthaltene Vorschlag vom Verein sehr ernsthaft in Betracht gezogen wurde37). Zwei Gutachten über das Schreiben Kirschbaums liegen vor; sie sind von Immanuel Wolf und von Moses Moser verfaßt, und auch in ihnen zeigt sich die veränderte, aktivere Beziehung zum Judenproblem, wenngleich sie beide die Naivität verurteilen, mit der der junge Mann an ein solches, lange wissenschaftliche Vorbereitungen erforderndes Vorhaben herangeht. Wolf und Moser weisen auf die Art dieser notwendigen Vorbereitungen hin, beide ermahnen ihn, die Sache etwas wissenschaftlicher anzupacken. Mosers Bericht schließt noch mit der besonderen Empfehlung, man solle die Kulturbestrebungen des Vereins erst einmal auf einem näher liegenden Gebiete zur Geltung bringen. „Ueberhaupt muß bei dem Hervortreten solcher ins grenzenlose Weite hinausgehenden praktischen Entwürfe mit Nachdruck auf das Näherliegende und uns unmittelbar angehende hingewiesen werden, ein wie viel festeren und doch noch so gar wenig von Deutschland aus bearbeiteten Boden für ein hohes, den Dank der ganzen Menschheit verdienendes Wirken, z. B. Polen und Ungarn, in Hinsicht der Juden sei. Deutschlands Juden haben von jeher die Bettlerhorden ernährt, die jahraus jahrein von dorther eindrangen, haben an den Witzen und der talmudischen Gelehrsamkeit wandernder Polen gierig gesaugt und ihnen dafür einen Zehrpfennig hingeworfen, aber — was ein leichtes war, nun einmal einen Mann von ernstem Willen und gediegeiner Kraft hinzusenden, bloß um zu sondieren, zu untersuchen, wohin ein Funke von Bildung geworfen, wohl zünden dürfte, das haben sie nie versucht, dafür wird im Himmel kein Lohn ausgeschrieben. Welch eine weit größere Teilnahme von seiten des Vereins also ein Unternehmen dieser Art verdiente, leuchtet wohl von selbst ein und wie es nützlich sein dürfte, Herrn K. hierauf aufmerksam zu machen.“ Aber gerade Moser hat Interesse für Kirschbaums Plan eben nicht nur von der wissenschaftlichen Seite der Sache her. Freilich auch er sieht es als bedeutend an, daß nun von jüdischer Seite eine Forschungsreise veranstaltet werden soll, damit die Einbeziehung de»* Juden in das Weltreich der Wissenschaft wieder einen Schritt vorwärts gebracht werden kann. Vor allen Dingen aber ist er gepackt, ja begeistert von der neuen Art jüdischer Aktivität, die in diesem Plane verborgen liegt. Jüdisches Wirken war bis nun gehemmt durch das kontemplative Hoffen auf einen deus ex machina Messias, der „schon von selbst zu gehöriger, bestimmter Zeit alles in Ordnung bringen wird“. Nun regen sich Zeichen dafür, daß man sein Schicksal wieder leiten wolle. Moser schreibt u. a.: „Solange auf der Pyrenäischen Halbinsel noch nicht der Despotismus mit einer herrschenden Kirche in den Bund getreten war, um dem Kreuze einen 37) Daß Kirschbaum von Mordechai Immanuel Noahs Gedanken angeregt worden ist, scheint mir außer Zweifel zu stehen. Auch Noah schließt übrigens die Samaritaner in seine nationalen Pläne ein. Vgl. Gelber: Vorgeschichte des Zionismus, Wien 1927. Unsere Ausführungen weiter unten S. 34. 23