Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums Man hat in dem Schwünge solcher Gedanken, die in der dritten Rede von Gans begeisterten Ausdruck finden, die „nationeile“ Arbeit wohl immer mehr hinten herab gleiten lassen. Oft ist diese Arbeit von gewohnter „Aufklärungsarbeit“ gar nicht zu unterscheiden. Der Gedanke der Wissenschaft des Judentums stand ganz im Vordergrund, man griff nicht mit starken Fäusten in das Reich der Praxis, wie man es doch ursprünglich gewollt hatte. Aber neue Absichten, neue Richtungen geben sich immer wieder wenigstens zu erkennen. Im September 1821 reicht der stud. med. Sinai Kirschbaum dem Verein eine ebenso phantastisch wie naiv klingende Eingabe ein: „Auf Verlangen Ihres gegenwärtigen Präsidenten, Herrn Dr. Gans, habe ich die Ehre, Ihnen, meine Herren, hiermit den Plan und die Absicht einer Reise vorzulegen, die ich, bloß zum Nutzen und Besten meiner Nation schon im nächsten Frühjahr anzutreten, mir fest vorgenommen habe. Was mich zuerst auf diesen Gedanken gebracht, war eine Nachricht von den Falashas oder den Juden in Abyssinien, die unter eigenen Königen stehen, und von denen ich in einer besonderen Schrift zu handeln willens bin, es schien mir nämlich, daß ein Volkszweig, der von einer schon kultiviert gewesenen Nation abstammt, noch immer eine Regierungs-Verfassung hat, und an den Handwerken und Künsten des Friedens gewöhnt ist, durch Annahme europäischer Kultur dahin gebracht werden könne, der ganzen Nation historische Bedeutsamkeit zu verschaffen; und so beschwerlich eine Reise dahin auch ist, und so chimairisch der Gedanke vor der Ausführung zu sein scheint, so glaubte ich dennoch, daß die bloße Möglichkeit dieses wichtigen Erfolges an sich schon die größte Aufopferung verdient, und beschloß, dieses Opfer in meiner eigenen Person der Nation darzubringen. Ich ließ mich aber um so weniger von diesem Vorhaben abschrecken, als ich bedachte, daß selbst im Falle des Mißlingens die Reise ihren großen Wert haben kann und wirklich haben wird, indem sie Gelegenheit darbietet, die zerstreuten Ueberreste der Nation in den verschiedenen Sekten und Spaltungen, die von verschiedenen Sitten, Gebräuchen und Religionsmeinungen veranlaßt wurden, kennenzulemen, und dasjenige zu abstrahieren, wodurch es möglich gemacht werden könnte, sie bei all ihrer Geteiltheit in ein Korpus zu verwandeln, was jeder vernünftige Mann gewiß für höchst wichtig halten wird. Ich zähle aber hierher alles, was nur die entfernteste Verwandtschaft mit unserer Religion hat, Karaiten u. dgl., selbst Samariten nicht ausgenommen; ja ich halte selbst das Studium der Mohamedaner als für uns notwendig, da diese Völker über kurz oder lang Kultur annehmen werden, und es uns, bevor dies geschieht, möglich ist, es zu unserm Wohl zu lenken. In dieser Absicht faßte ich den Entschluß, meinen Weg über Palästina zu nehmen, und die Vorteile, die ich mir davon verspreche, sind folgende: 1. Die Juden zu Jerusalem, welche in die entferntesten Gegenden reisen, um für die Einwohner dieser Stadt zu kollektieren, können mich in den Stand setzen, im voraus zu urteilen, welche Provinzen die interessantesten Entdeckungen erwarten lassen. 2. Ich bin da in der Nähe der Samaritaner und kann, ohne viel Zeit und Kosten zu verlieren, diese in ihrer Heimat besuchen. 3. Was sehr wichtig ist, ich kann aus Jerusalem Empfehlungen nach dem glücklichen Arabien mitnehmen, um mich da so lange aufhalten zu können, bis ich hinlängliche Nachrichten von der gegenüberliegenden Küste von Abyssinien eingezogen habe. Dies ist ungefähr das, was ich von meinem Unternehmen denke. Das nähere können nur die Erfahrungen auf der Reise selbst lehren. Ich hoffe, daß Sie, äußeren Zwiespalt, der im Judentum und vermittels der Juden positiv in die Welt gesetzten, durch den universellen wissenschaftlichen Standpunkt zu erheben und von da aus die Befreiung des in unwürdige Dienstbarkeit geratenen reinen Elements desselben zu bewirken. Was aber eine Wissenschaft begründet, das ist in der Geschichte ein in irgendeiner Zeit selbständig gewordenes Prinzip, das sich seine eigene Welt geschaffen hat und so eine Masse historischen Stoffes unter allen Beziehungen menschlichen Seins, Denkens und Handelns belebt und beseelt/4 22