Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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Siesrfri-ed Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums „Eschatologisch“ hat man diese Zeitstimmung genannt33). Und schon auf den ersten Seiten der Zeitschrift hört man gleiche Töne: „Die Juden müssen sich wiederum als rüstige Mitarbeiter an dem gemeinsamen Werke der Menschheit bewähren; sie müssen sich und ihr Prinzip auf den Standpunkt der Wissenschaft erheben, denn dies ist der Standpunkt des Europäischen Lebens. Auf diesem Standpunkte muß das Verhältnis der Fremdheit, in welchem Juden und Judentum bisher zur Außenwelt gestanden — verschwinden. Und soll je ein Band das ganze Menschengeschlecht umschlingen, so ist es das Band der Wissenschaft, das Band der reinen Vernünftigkeit, das Band der Wahrheit“34). Die Wissenschaft als Dienerin der Wahrheit folgt ihrem inneren Gesetz, wenn sie zur Alleinheit, Allvereinigung strebt. Hatte aber nicht auch gerade sie das Neue sehen gelehrt, hatte nicht auch gerade sie den Blick geschärft für das Einzelne, in sich Abgeschlossene, Individuelle? Hatte man nicht gerade mit ihrer Hilfe den Wert des Selbst, des Eigenen und Wesentlichen des Individuums gesehen? Eine Einigungsarbeit hatte die Wissenschaft des Judentums, ja, schon die Konzeption ihres Begriffes allein, für die Generation erfüllt: Die Wissenschaft des Judentums ging auf den ganzen Menschen, und weil sie den ganzen jüdischen Menschen in all seinen Beziehungen zur Welt zum Objekt hatte, sich gleichsam über ihm wölbte, konnte der jüdische Mensch nun nicht mehr fest und unabänderlich Bürger zweier Reiche, des Reiches des geoffenbarten Gesetzes und der übrigen Welt sein. Aber die andere Frage blieb offen: Die Wissenschaft zeigt gerade die Einmaligkeit des Judentums, die nur im Eigenbewußtsein der Juden spricht. Wie wird diese Isoliertheit überwunden? Ist solche Fragestellung erwachsen aus dem Geiste der Zeit, so wird es uns nicht Wunder nehmen, sie auch in der geistigen Bewegung der Zeit außerhalb der jüdischen Fragestellung anzutreffen. So z. B. ringt auch Schleiermacher35) mit dem Problem. Auch er weiß, daß die Welt aufgeteilt ist in Individualitäten der Völker und der Sprachen. Sie können und werden niemals in ein Einerlei zusammenfließen. Die „unablösbare und unübertragbare Individualität des Denkens und Sprechens“ — sie muß dennoch wieder einmal sich zum „Allgemeinen und Identischen zu organisieren streben“. Für Schleiermacher gibt es einen Ausweg aus jenem Konflikt von „Allgemeinem und Besonderem“. Die „Gemeinschaft der Akademien“ stellt jene große Vereinigung des Geschiedenen dar. Die Wissenschaft des Judentums — kehren wir zu unserem Kreise zurück — müßte nun eine große Akademie sein, wenn wir den Ausdruck Schleiermachers weiter gebrauchen sollen. Hat das Judentum diese Akademie, diese Wissenschaft, dann kann es Eigenes sein und kann dennoch die Brücken bauen hinüber zur Welt, zur Allheit, zu Europa, das nun auf dem Standpunkt der Wissenschaft steht36). 33) Vgl. R. Kroner: „Von Kant bis Hegel“, 1921, S. 1—10. 34) Zeitschrift, S. 24. 35) Vgl. Schleiermacher: Brouillon zur Ethik, 17. Stunde (1805/1806), Werke, Ausgabe von Braun u. Bauer, Leipzig, Meiner 1913, II. Band, S. 101. 36) In einem „Commissionsbericht über das wissenschaftliche Institut des Vereins“ vom 29. Dez. 1821 schreibt Moser: „Der Name Wissenschaft des Judentums ist neu, weil die Sache es ist. Dem Verein ist sie zuerst entstanden, entstanden aus dem Bestreben, das er vor allem ergriffen hat, sich über den 21