Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums Wolf: Es sei mir nur noch erlaubt, das gegen Herrn Kirschbaum zu bemerken, daß allerdings zugegeben werden muß, daß die Probleme der Religion auch in der Metaphysik gelehrt werden, aber anders und von einem andern Standpunkte aus, als in der Religion. Zum metaphysischen Standpunkt erhebt sich nicht jeder, die Religion ist für jedermann. Sonst studierte jeder Jude die Bibel, wo nicht gar die ganze jüdische Theologie; jetzt geschieht dies nicht mehr, daher muß die Religionswahrheit schematisch aus den Urkunden zusammengestellt, gelehrt werden. Freilich kann sie dann auch philosophisch beleuchtet und entwickelt werden. Gegen den Herrn Dr. Zunz erlaube ich mir nur noch zu bemerken, daß die Regierung leicht auch von einer Unterrichtsanstalt eine üble Meinung geben dürfte, in der die Religion gar kein Gegenstand der Lehrvorträge ist. Der Präsident: Ich glaube nicht, wie bemerkt worden ist, daß ein Fremder sich über die vielfache Debatte über diesen Gegenstand wundern dürfte, da nichts vielseitiger betrachtet werden kann als gerade die Religion. Es ist aber die ganze Sitte und das Leben des Juden religiös. Der Jude betrachtet alles vom religiösen Standpunkt aus, verschmelzt alles mit der Religion. Wir wollen aber die Religion auf ihr eigenes Bezirk zurückweisen und der klaren und reinen Vernunft in ihrem Gebiete die Herrschaft lassen. Insofern ist unser Streben gerade antireligiös. Auch ist ein abgesonderter Unterricht in der Religion bloß dem Christentum nachgeahmt und bei keinem Volke des Altertums anzutreffen. Ueber Gott, Unsterblichkeit usw. gibt nur die Philosophie genügende Auskunft, und nach ihr hat sich jeder seine subjektive Religion zu formen. Es wird über den Antrag abgestimmt; mit fünf Stimmen gegen vier durchgefallen.44 Eine solche Säkularisierung des Judenproblems war etwas Neues, unter dem Aspekt der Geistesgeschichte der Juden gesehen; sie war es aber auch in den Augen der Zeit. Dafür mag eine kleine Anekdote, die sich uns in den Vereinsakten bietet, bezeichnend sein: Der Verein wollte von der Regierung als Körperschaft anerkannt werden und richtete ein entsprechendes Gesuch an die Regierung. Ganz automatisch beging die Regierung einen Lesefehler, las statt „Kulturi4 „Kultus44 und wies den Verein für „Kultus und Wissenschaft der Juden44 an das Konsistorium als zuständige Stelle. Der Vorstand mußte dann den Irrtum aufklären und sich noch einmal an die Regierung wenden. In mannigfacher Hinsicht interessant ist auch die Aussprache über den Namen des Vereins; sie beginnt am 27. Mai 1821, aber erst am 5. Juli 1821 einigt man sich auf den von Gans vorgeschlagenen Namen „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“. Zunz schlägt folgende Namen vor: 1.) „Verein für Literaturfreunde“; 2.) „für Beförderung der Bildung unter den jüdischen Glaubensgenossen“; 3.) „Academia“; 4.) „Philagathia”; 5.) „Symposion”. Andere Mitglieder schlagen Namen vor wie „Harmonie“, „Humanitätsgesellschaft“, „Zionia“, „Maccabäer“, „Verein jüdischer Kulturfreunde“, „Libanonia“, „Verein jüdischer Humanisten”. Im Verlaufe dieser Debatte taucht auch zum ersten Male der Name der „Wissenschaft des Judentums“ auf, der dann im März 1822 dem Zensurkollegium im Zusammenhang mit dem Namen der Zeitschrift auch vorliegt. Jedenfalls — eine ironische Verflechtung — stammt dieser Name von Gans, dem späteren Renegaten! Dort wo dieser Ausdruck nach einem Vorschläge von Gans, den Verein „Verein zur Beförderung der Kultur unter den Juden und der Wissenschaft des Judentums“ zu nennen, zum ersten Male in den Protokollen vorkommt, unterstreicht Zunz, der — vielleicht als alter Mann — die Protokolle noch einmal nachgelesen hat, den Ausdruck „Wissenschaft des Judentums“ (27.Mail821). Als 2* 19