Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums ein Kapitel der Metaphysik. Gute und feste Grundsätze gibt die Religion nicht, sondern die Moral. Dieselbe lehrt uns auch die Pflichten gegen die Nation. Dr. Zunz: Ich bin nicht wider den Religionsunterricht, weil ich glaube, daß er eine schlechte Wirkung haben wird, sondern weil ich die Sache für unmöglich halte. Die jüdische Religion kann nur im häuslichen Leben anerzogen werden; nur das Positive, d. i. das Zeremoniell, wird erlernt. Unser Unterricht muß auf eine strenge, konsequente Verstandesbildung hinzielen; anbei können im Schüler Funken geweckt werden, die ihn über das Wesen der Religion besser unterrichten, als ein eigener Religionsunterricht. Norrmann: Ich füge dem Gesagten beistimmend noch hinzu, daß der Religionsunterricht, welchen die Schüler bei den Lehrern des Talmuds anderweitig meist genießen, mit dem unsrigen in Konflikt geraten werde. Moser: Israelitische Religion, von allem Dogmatischen frei, ist bloß Sache der Geschichte, in deren Vortrag daher auch ihre Entwicklung verflochten werden muß. Für den Antrag sprechen: Wolf: Ich glaube, daß es einem Fremden nicht wenig Wunder nehmen würde, wenn er zum ersten Male hier anwesend darüber streiten, ja so viele Stimmen sich dagegen erklären hörte, daß in einer allgemeinen Bildungsanstalt auch Religion gelehrt werden solle. Mir scheint es allerdings, daß wir bei der Stiftung der Unterrichtsanstalt auch vorzugsweise den Zweck hatten, das reine, nationelle Judentum, wie es dieser Verein anerkennt, zu lehren. Wenn aber der gelehrte Urheber dieses Antrages den Reli- Sionsunterricht vor der reifem Verstandesentwicklung eilends dem Gemüte der chüler eingepflanzt wissen will, für das Gebiet der Religion vom Lichte des Verstandes alles Böse nach Art vieler neuer Theologen fürchtend: so scheint diese Ansicht seinem Gegenstände keineswegs günstig zu sein. Allemal aber scheint mir die Sache von der höchsten Wichtigkeit und der reifsten Ueberlegung würdig zu sein. Mögen wir uns daher mit der Entscheidung nicht übereilen. So viel ist gewiß, daß die Verwirrung, die in der Welt des Juden dermalen herrscht, allermeist davon herrührt, daß man nirgends über die Art des Religionsunterrichts einig ist, meist denselben ganz vernachlässigt. Ist aber die jüdische Religion eine positive und soll sie sich erhalten, so muß sie gelehrt werden. Es scheint mir daher Sache unseres Vereins zu sein, auch hierin mit gutem Beispiele voranzugehen und eine Norm festzustellen; dämm stimme ich für den Antrag des Dr. Auerbach. Schönberg: Ich spreche für den Antrag, weil ich mich von seiner Heilsamkeit in dem Kreise meiner Erfahrung überzeugt habe. Ich habe gesehen, wie Jünglinge, die Blüte der Nation, früher unerfahren in dem Wesen der Mosaischen Lehre, mit dem größten Enthusiasmus den Religionsvorträgen eines Sachverständigen beigewohnt haben. Die jüdische Religion hat allerdings Dogmen, z. B. die Lehre von der Einheit Gottes, welche zu glauben Pflicht ist. Die jüdische Religion ist eine positive, und ich glaube daher nicht mit Wolf, daß wir unser Judentum, sondern das allgemeine zu lehren haben. Marcus: Der gänzliche Verfall des Studiums der hebräischen Sprache könnte durch einen zweckmäßigen Religionsunterricht besonders aufgehalten werden; es wäre zweckmäßig, wenn gerade unser Verein hier ein Schema aufstellte, und gerade durch einen solchen Unterricht könnte das Unwesen des Zeremoniells gebannt werden. Dr. Zunz: Der Einfluß der Religion muß sich in der Kindheit in der frühesten Erziehung äußern, später kann der Unterricht in derselben nur mittelbar an die Verstandeswissenschaft, besonders an die Geschichte angereiht werden. Reformation und Veränderung des Judentums ist aber dem Verein auch für sich fremd. Die Regierung, welche ohnedies den Verein für eine Tempelpartei zu halten scheint, könnte auch leicht durch einen von der alten Form abweichenden Religionsunterricht von dem Verein einen imgünstigen Begriff erlangen. Dr. Auerbach: Lassen wir das letztere dahingestellt; so bleibt es doch immer wahr, so gibt es doch allgemeine Religionswanrheiten über Gott, Unsterblichkeit, Bestimmung usw., die der Jugend, die davon noch keinen Begriff hat, 6eiehrt werden müssen. Gewöhnlich werden jüdische Jünglinge von diesen ►ingen erst durch christliche Schriften, auf christliche Weise belehrt und wissen daher nicht, daß auch ihre Religion diese Probleme löst — daher die geringe Achtung für die jüdische Religion. 18