Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums Situation der Gemeinde gefragt und eine Untersuchung gefordert, „ob die Einsegnung überhaupt eine dem Judenthum ursprünglich angehörige Einrichtung oder eine bloße Nachahmung der Kristlichen Kirche sey“. (Der Handschrift nach stammt dieser Bericht von Auerbach, sozusagen einem Vertreter des theologischen Elements im Verein.) Auch für den Gedanken einer neuen Bibelübersetzung zeigt man im Verein hohes Interesse, wie man überhaupt Anteilnahme am Gottesdienst und seiner Reform bekundet. Die religiöse „Verbesserung“ der Juden ist aber immer nur ein prinzipiell koordinierter, niemals im Mittelpunkte der Arbeit stehender Gegenstand der Vereinsaufgabe. Er gehört dazu, weil Aufgabe des Vereins es sein muß, die ganze Wirklichkeit der jüdischen Existenz kennenzulernen, wenn man nachher in diese Wirklichkeit handelnd eingreifen will. Auch von dieser Gegenwartsbezogenheit führt eine Linie zu den Motiven der Wissenschaft des Judentums27). Ganz auf der Ebene dieser Gegenwartsbezogenheit liegt es auch, wenn Zunz und Jost dem Verein eine Aufzeichnung der an den Juden der damaligen Zeit haftenden Fehler einreichen. In der Gründung eines Archivs für die Korrespondenz, das leider niemals ausreichend mit Material versorgt worden ist, drückt sich das Interesse für die jüdische Gegenwart aus. Während aber dieses wichtige Instrument des Vereins niemals eine breiter aufgebaute Tätigkeit entfalten sollte, weil die Mitarbeit der Freunde außerhalb Berlins sehr zu wünschen übrig ließ, konnte eine andere Einrichtung des Vereins eine verhältnismäßig große Aktivität und Fruchtbarkeit erweisen. Man gründete Gymnasialkurse für jüdische Jünglinge, die öffentliche Schulen nicht besuchen konnten und Handelsleute nicht werden sollten. An dieser Schule hat Heine28) auch unterrichtet, und ist S. Munk auch Schüler gewesen. Diese Bildungsarbeit unter den Juden hat man bitter ernst genommen; was aber ihren Ton bestimmt, ist, daß ihr ein Judentumsbegriff zugrunde liegt, der nicht konfessionell, sondern wesentlich säkularisiert ist. Nichts ist dafür bezeichnender als die Diskussion über den Lehrplan dieser Unterrichtskurse. Der jüdische Charakter der Anstalt ist vorerst dadurch gesichert, daß Hebräisch selbstverständlich als Fach eingeführt wird29). Aber Religionsunterricht wird nach einer ausführlichen Debatte als Fach im Unterricht abgelehnt. Wir glauben, daß diese Debatte ein nicht unwesentlicher Beitrag für die Verfolgung geistesgeschichtlicher Motive in der Entwicklung des Nachemanzipationsjudentums ist, und geben ihr Protokoll (Sitzung vom 22. Dezember 1821) deshalb ganz wieder. „Dr. Auerbach trägt darauf an, in der Unterrichtsanstalt Religion zu lehren: Bei der Stiftung dieses Instituts können wir nicht bloß die Absicht gehabt haben, jüdische Individuen zu bilden, sondern für das Heil und die Erhaltung des Judentums selbst zu wirken. Daß jetzt so viele Glaubensgenossen sich taufen lassen, scheint mir besonders daher zu rühren, daß sie das Judentum nicht kennen; und haben sie auch ihre philosophische Ansicht von der Religion, so scheint mir das eben den Uebergang zu befördern. Bei unsern Zöglingen ist eine solche philosophsiche Blidung noch nicht vorhanden, eben deshalb muß bei ihnen jetzt noch ein gemütlicher Unterricht in der Mosaischen Religion von der heilsamsten Wirkung sein. Gegen den Antrag sprechen: Kirschbaum: Ein Religionsunterricht fürs Gemüt schadet der freien Kultur; soll er aber für den Verstand sein, so ist er 27) Vgl. auch Wolfs Aufsatz in der Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, 1822, S. 23, 24. 28) Das Material über Heinrich Heine und seine Beziehungen zum Verein ist jetzt zusammengefaßt bei Hugo Bieber: Heinrich Heine, Gespräche, Briefe usw., Berlin 1926. Dort auch der interessante Bericht: „Bei Gelegenheit des Vorschlages (23. Februar 1823), der Verein möge ein Religionsbuch für die Jugend ausarbeiten lassen, bemerkt Heine, man dürfe das Judentum nicht in der Weise des modernen Protestantismus behandeln.“ Sitzung vom 17. November 1821. Daß die Einführung des hebräischen Unterrichts in zeitgemäßen jüdischen Schulen nichts Selbstverständliches war, zeigt das Programm des „Lehrinstituts“ in Frankfurt a. M. Vgl. Kracauer, Geschichte der Juden in Frankfurt a. M., Bd. II, 1927, S. 327. Im Kulturverein ist die Debatte darüber kurz. Auerbach, Zunz und Moser setzen sich mit Bestimmtheit für das Fach ein. 17