Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grandlagen der Wissenschaft des Judentums Aber sowie wir an eine weise Benutzung des uns in der hl. Schrift dargebotenen, für die Bildung des Volks zu denken anfangen, finden wir uns genötigt, im offenen Kampf gegen den Talmud aufzutreten, dessen verderblichen Einfluß für unser Zeitalter zu vernichten, wesentliche Bedingung einer nützlichen Judenreformation ist. Auf die Wirkung der Verhältnisse selbst ist hierin schon viel vorgearbeitet worden, und sie werden auch in der Zukunft in einer Hinsicht unser Streben begünstigen, wenn auch von der anderen Seite durch die damit nur zu oft verbundene Erscheinung des Indifferentismus erschweren und ihm sogar entgegen sei, so daß eben hierin das Gleichgewicht zu erhalten eine der schwersten Aufgabe sein dürfte. Darum werden wir also einer Prüfung und Zerlegung des Talmuds nach seinen verschiedenen Tendenzen nicht völlig überhoben sein. Zwar nur ein kleiner Teil des Nützlichen und Brauchbaren dürfte sich aus diesem Chaos spitzfindigen Unsinns absondern lassen, aber als ganz bedeutungslos ihn verwerfen, wenn dieser Versuch auch gelänge, wäre wohl nicht ratsam. Ein heilig zu haltendes Eigentum der Nation und daher Gegenstand der Aufmerksamkeit und Bearbeitung des Vereins ist ferner die Geschichte derselben in den traurigen Zeiten ihrer Zerstreuung. Ebensosehr wie dieser Gegenstand bisher auf eine unverantwortliche Weise vernachlässigt worden, so sehr muß er jetzt benutzt werden zu ihrer eigenen Aufklärung nicht weniger — wie wichtig sie in dieser Hinsicht sei, darf Ihnen nicht auseinandergesetzt werden — als zur Berichtigung der heillosen Irrtümer und von verkehrten Ansichten nicht weniger als von menschenfeindlichen Gesinnungen angegebenen Urteilen ihrer Gegner. Gottesdienst und Unterrichtsanstalt, wofür bis jetzt das meiste getan oder vielmehr zu tun versucht worden ist, gleich wichtig als Mittel und Zweck, bieten der Tätigkeit des Vereins ein weites Feld dar, und ich glaube mich der angenehmen Hoffnung überlassen zu dürfen, daß von dieser Seite wirksam zu sein, auf diesem Wege überall die besseren und richtigen Grundsätze in Anwendung zu bringen, von allen Schwierigkeiten die am wenigsten erhebliche angetroffen werden wird.“ Der Aspekt, unter dem hier die jüdischen Bildungsstoffe und Kulturinhalte betrachtet werden, ist der ihrer Verwendbarkeit für den Organismus der jüdischen Gemeinschaft in ihrem augenblicklichen Bestände. In unserm Zusammenhänge ist es nicht so wichtig, in welchen Abstufungen die einzelnen Quellen gewertet werden und wie demgemäß das Kulturziel der Gemeinschaft aussehen soll, als überhaupt die Tatsache festzustellen, daß diese nationalen Bildungsstoffe wieder pädagogische Faktoren für den Nationalkörper werden sollen. Dieser Nationalkörper soll ja durch den Verein wieder einen „Mittelpunkt^ bekommen. Der Wille, die Bildungsarbeit der Juden vom Judentum aus, wie es sich in seinen Quellen und Literaturzeugnissen darstellt, zu unternehmen, ist offensichtlich auch eine Hauptquelle für den Ursprung der Wissenschaft des Judentums. Aber unter dem Einfluß der geschilderten geistigen Motive erhält diese Bildungsarbeit gegenüber der gehaßten „Aufklärerei“ eine größere Innenrichtung. Der Ausgang von einem eigentlich neuentdeckten Begriff des jüdischen Menschen gewährt auch eine umfangreiche Betrachtung der jüdischen Gegenwartswirklichkeit. In dieser jüdischen Wirklichkeit nimmt die Religion, und was in ihr zu bessern ist, einen bedeutenden Platz ein; und so werden auch im Verein Fragen der Aesthetisierung des Gottesdienstes diskutiert; auch prinzipielle Aeußerungen über das Recht der Reform tauchen hier auf. Nicht uninteressant ist ein Bericht, der sich mit der im Jahre 1808 vom Israelitischen Konsistorium geschaffenen Einrichtung der Konfirmation befaßt. Mit historischer Genauigkeit wird der Frage nachgegangen, nach dem Nutzen der Institution für die gegenwärtige 16